Wilhelms von Auvergne Verhältniss ’iu den Platonikern des XII. Jahrhunderts. ] 23
in einem supranaturalen Elemente, und unterscheidet sich hiedurch
von der in der irdischen Zeitlichkeit unwiderbringlichen
natürlichen Geistigkeit, deren sich der Mensch nach Wilhelms
Anschauung am Anfänge seines Zeitdaseins vor dem Falle erfreute.
Sofern nun dieser zeitlich nicht wieder erringbare
Stand natürlicher Geistigkeit das Ideal oder die vollkommene
Wirklichkeit jener Seelenverfassung ist, welche der Mensch
nach Adelards Weisung in der Pflege der Philosophie und der
edlen freien Künste anstreben soll, muss Wilhelm in dem von
dem Platoniker geforderten Höhengrade natürlicher intellectueller
Einsicht eine dem dermaligen Zeitmenschen unerschwingliche
Denkhöhe erkennen, obschon er ihr Vorhandensein als
das Normale und Gesollte ansieht, und an diesem Normalen
und Gesollten den Tiefgrad der Erkenntnissfähigkeit, zu welchem
der Mensch durch die Folgen seines Falles herabgedrückt
wurde, ermisst. In der Bezeichnung des Tiefpunktes dieses
Falles stimmt er aufs Wort mit Adelard zusammen, nur dass
er die vom rein menschlichen Standpunkt gewählte Bezeichnung
Adelards im christlich-sittlichen Eifer noch sehr verschärft; 1
er ist mit Adelard darin einverstanden, dass die Einsenkung
der Seele in den Körper der augenfällige Veranlassungsgrund
jener Seelenerniedrigung sei - und stimmt in seiner Weise ganz
der Behauptung Adelards bei, dass die Seele schon bei ihrem
Eintritt in den Körper einen grossen Theil ihrer Göttlichkeit
verliere, 3 und in ihrer Verdunkelung durch niedrige Leiden-1
Debes autem scire, quod perversitas ista non brutalitas, sed brutalitate
longe deterior sit. Si brutalitas esset assimilaretur uni speciei
animalium irrationalium. Manifestum autem est, quoniam ipse assimilatur
multis et forte omnibus aliqua perversitate. De anima V, 1*2.
2 Revertar ad solvendam qusestionem, quam ob causam benedictus in ultimitate
bonitatis bonus atque in ultimitate sapientise sapiens animam
humanam corpori tarn noxio conjungat; cum ejus corruptione certum sit
ei abyssum prsenominatarum miseriarum totam contrahere, videlicet ut
brutalibus animalibus comparetur et adsequetur, atque brutalibus animabus
omni insipientia omnique vitiorum monstrositate assimiletur. De anima
V, 20.
3 Manifestum est tibi, quid Intendant doctores gentis christianorum in sermone,
quo dicunt homines nasci animales sive brutales; videlicet quia
nascuntur in dispositione contraria sive statu contrario spiritualitati antedictae.
De anima V, 12.