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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

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\V  ei  ner.

verliehen.  Aber  die  Einsenkung'  in  den  irdischen  Körper  ist
Ursache  der  Verdunkelung  ihres  lichten  Wesens;  demzufolge
dann  ihr  Mangel  an  rechter  Fassung  und  Besonnenheit  in
Regelung  und  Disciplinirung  der  beiden  untei'geordneten  Vermögen, ­
  und  ihre  Ueberwältigung  durch  die  Ausschreitungen
derselben.  Diese  Ueberwältigung  kann  bis  zu  dem  Grade  fortschreiten, ­
  dass  sie  die  Fähigkeit,  Wahres  vom  Falschen  zu
unterscheiden  verliert,  die  von  der  Philokosmie  gepriesenen
Güter  für  die  echten  Güter  des  Lebens  hält,  und  in  Erringung
derselben  sich  selig  preist.  Die  sinnlichen  Lebensgüter  blenden ­
  das  Licht  der  Vernunft,  und  würdigen  den  Menschen  zum
Thiere  herab.  Es  gibt  nur  Ein  Mittel,  die  verirrte  Seele  aus
ihren  schmählichen  Banden  zu  befreien:  die  Rückkehr  zu  sich
selbst  und  zum  eigensten  Bereiche  ihres  Denkens  und  Schaffens
d.  i.  zur  Philosophie  und  zu  den  edlen  freien  Künsten.
Diese  Auslassung  Adelards  lässt  sich  unter  den  nöthigen
Modificationen,  die  durch  den  christlich-theologischen  Standpunkt ­
  Wilhelms  bedingt  sind,  ganz  in  den  Inhalt  jener  Anschauungen ­
  umsetzen,  welche  Wilhelm  von  Auvergne  in  seiner
Schrift  de  anima  und  anderwärts  entwickelt.  Der  Umtand,
dass  Wilhelm  nicht  gleich  Adelard  als  Philosoph,  sondern  als
Theolog  spricht,  bringt  es  mit  sich,  dass  er  den  von  Adelard
stillschweigend  vorausgesetzten  Grund  des  thatsächlichen  Herabsinkens ­
  der  Seele  von  der  Höhe  ihres  ursprünglich  reinen  und
lichten  Geistlebens,  so  wie  des  Verlustes  ihrer  Herrschaft  über
die  entartenden  Kräfte  des  Zürnens  und  Begehrens  ausdrücklich ­
  angibt  und  der  Kirchenlehre  gemäss  im  ersten  Sündenfalle
sucht;  dass  er  ferner  der  bei  Adelard  empfohlenen  Rückkehr
der  Seele  zu  sich  selbst  und  zur  Pflege  edler  Geistesthätigkeit
die  Rückkehr  zu  Gott  und  die  Hinwendung  auf  die  ewigen
Güter  des  Lebens  substituirt,  womit  natürlich  die  von  Beiden,
von  Adelard  und  von  Wilhelm  geforderte  Wiedergewinnung
der  verlorenen  Geistigkeit  bei  Wilhelm  einen  ausschliesslich
ethisch-religiösen  Sinn  gewinnt.  1  Diese  ethisch-religiöse  Geistigkeit ­
  wurzelt,  weil  durch  die  Wiederherstellungsgnade  bedingt,

1  Spiritualitas  est  perfectio,  per  quam  avertimus  imprimis  ab  animabus
nostris  mala  spiritualia,  quae  simt  vitia  et  peccata,  atque  poenas,  quae
pro  eis  redduntur  judicio  creatoris.  De  anima  V,  12.
            
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