Zeitpunkt der slavisclien Ansiedlung an der unteren Donau.
87
da, gemäss derselben Stelle, wo der Fluss Ister entspringt,
d. h. wo der Strom den Namen Ister zu führen beginnt, während
er bis dahin Danuvius hiess. Wo aber lag die Grenze
für diese verschiedene Namengebung? Nach Strabon an der
Katarakte 1 d. i. wohl oberhalb der Katarakte, denn die
gesammte Strecke von der Savusmündung bis zum Anfang der
Katarakte, etwa bei Novae in Obermoesicn, war einst dakisch,
und erst weiter aufwärts begann das Gebiet der keltischen
Völker. Dakisch oder, was dasselbe ist, thrakisch hiess die
Donau Ister, keltisch Danuvius; wo sich das Gebiet der beiden
Sprachstämme einst schied, trat der Namenwechsel ein.
Nach der zweiten Stelle des Jordanis 2 fingen die Wohnsitze
der Slaven zu des Schriftstellers Zeit, den wir uns,
als er dies abfasste, in Constantinopel zu denken haben, also
an einem Orte, wo er über diese ethnographische Frage gut
orientirt sein konnte, bei dem lacus Mursianus und einer Stadt
an, welche nach der besten Handschrift Nova oder Novae
lautet. Wo nun lag die Wasserfläche, die bald Mursianiseher
Teich, bald See genannt ist? Der auf den Stadtnamen Novi
folgende räthselhafte Zusatz etumense hat der Erklärung die
grösste Schwierigkeit gemacht, und je nach deren Entscheidung
wurde der Mursianische See bald da, bald dort angesetzt.
Th. Menke hat sich neuestens für das heutige Sistova erklärt 3
und setzt darum den Mursianus in die Walachei nördlich von
jenem. Aber man muss es sehr bezweifeln, ob geographische
Vorstellungen über die grosse Walachei, die selbst in der Zeit
des Besitzes derselben durch die Römer ein unbekannter Boden
war, im sechsten Jahrhundert im Umlaufe waren, so dass Jordanis
davon Gebrauch machen konnte. Sodann ist die Con-1
S. 305. Die römische Herrschaft und Colonisation am moesischen Ufer trug
dazu vor allem hei, dass der von den Römern angenommene Name Danuvius
über den andern, den die Griechen vorzogen, obsiegte. Nach Ptolemaeos
(3, 8, 3) iin 2. Jahrhundert, führte die Donau nur mehr von Axiupolis
d. i. von ungefähr der letzten Nordwendung des Stromes an den Namen
Istros.
2 Ausgabe v. Closs S. 27.
3 Spruners Handatlas für die Geschichte des Mittelalters und der neueren
Zeit. 3. Aufl. Er schlägt die Lesung vor a Civitate nova et Utense und
bestimmt Civitas nova als Sistova.