Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Psychologie  des  Wilhelm  von  Auvergne.

323

werth  wäre.  Aber  rlie  menschliche  Seele  ist  fähig,  auch  den
in  der  Gesammtheit  der  veränderlichen  und  vergänglichen  Erscheinungen ­
  der  sichtbaren  Wirklichkeit  sich  explicirenden
schöpferischen  Gedanken  zu  erfassen  und  denselben  in  sich
nachzudenken;  diese  ihre  Fähigkeit  bekundet  in  Wahrheit  ihre
Verwandtschaft  mit  dem  Schöpfergeiste  des  Ewigen,  und  lässt
mit  Recht  den  Schluss  auf  die  Unvergänglickeit  ihres  eigenen
Wesens  zu.  Ein  Denkwesen,  welches  in  sich  selber  die  Gedanken ­
  des  Ewigen  nachzudenken  vermag,  kann  nicht  dem
Bereiche  der  vergänglichen  Weltwesen  angehören,  cs  muss  in
seinem  Wesen  etwas  dem  ewigen  Schöpfer  Verwandtes  in  sich
haben  —  der  ewige  Schöpfergedanke  kann  nur  von  einem
eines  unsterblichen  Selbstseins  fähigen  Denkwesen  verstanden
werden.  In  dieser  Fassung  hat  nun  allerdings  die  speculative
Scholastik  den  Unsterblichkeitsgedanken  niemals  ergriffen,  weil
das  sogenannte  eigentliche  Vernunftdenken  und  Vernunfterkennen ­
  oder  das  in  Ideen  sich  vermittelnde  Denken  und  Erkennen ­
  in  ihr  nur  latent  enthalten  und  von  der  vorwiegenden
Richtung  auf  das  Gegenständliche  niedergehalten  war;  man
wird  ihr  daher  vom  heutigen  Entwickclungstande  der  philosophischen ­
  Bildung  nicht  den  Charakter  eines  wirklich  speculativen
  Denkens  und  Erkennens  —  wenigstens  nicht  förmlich
und  schlechthin  —  sondern  nur  jenen  einer  geschichtlichen
Vorstufe  dieser  wesentlich  neuzeitlichen  Art  des  philosophischen
Denkens  und  Erkennens  zugestehen  können.  Wilhelms  Denken
aber  ist  noch  nicht  einmal  in  diese  durch  Albert  und  Thomas
entwickelte  Vorstufe  eingerückt;  er  weiss  die  aus  Augustinus
entlehnten  Elemente  seiner  psychologischen  und  erkenntnisstheoretischen
  Anschauungen  mit  den  über  sein  Zeitalter  hereinbrechenden ­
  Strömungen  speculativer  Peripatetik  nicht  zu  vermitteln. ­
  Die  Seele  für  eine  universale  Essenz  zu  halten,
scheint  ihm  mit  der  Thatsache  des  menschlichen  Selbstbewusstseins ­
  unvereinbar; 1  die  Seele  ist  wie  jedes  denkfähige  Wesen
substantia  prima  d.  i.  individua  et  singularis,  nicht  aber  substantia
  secunda  d.  h.  nicht  Allgemeinbegriff  wie  der  Artbegriff
Mensch  oder  der  Gattungsbegriff  Thier,  welchem  noch  nie
jemand  Denken  oder  Selbstdenkcn  beigelegt  habe.  Man  kann

1  De  an.  V,  17.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.