Die Psychologie des Wilhelm von Auvergne.
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liehen ist allüberall gar keine Rede; einerseits wird die Seele
fast wie ein leibloses Engelwesen behandelt, andererseits wird
sie wieder in excessivem Grade vom Leibe gedrückt gedacht,
und ein mit der Idee der organischen Leiblichkeit nicht vereinbares
Dienstbarkeitsverhältniss des Leibes als das Gesollte
und Normale postulirt. Im Grunde ist das nicht zu verwundern;
wenn man, statt nach der Idee des Menschen, nur nach
dem Wesen der Seele fragt, und das Verhältniss derselben
zum Leibe nur als ein nun einmal nicht abweisliches Accessorium
ansieht, so muss es zu solchen Schiefheiten kommen,
wie deren mehrere in dem voraus Gesagten dargelegt worden
sind. So ist denn auch in der eschatologischen Partie der
Schrift Wilhelms nur von der Seelenunsterblichkeit die Rede;
die künftige Wiedervereinigung der Seele mit dem Körper
wird zwar nebenhergehend auch festgehalten, aber kaum ein
anderer Grund dafür ausfindig gemacht als dieser, dass die
Seele, nachdem sie nun einmal auf und durch den Leib zu
wirken befähiget ist, desselben auch im Vollendungsstande
nicht, entrathen soll. Sonst liegt das Hauptinteresse an der
eschatologischen Frage für Wilhelm ausschliesslich in der Seelenunsterblichkeit.
Der Leib kann sterben, die Seele nicht, 1
oder wenigstens nicht auf natürlichem AVege; ein Zugrundegehen
der Seele wäre nur unter der Bedingung denkbar, dass
die continuirliche göttliche Lebenseingeistung, durch welche
die Seele im Sein erhalten wird, plötzlich stockte und aufhörte.
Niemand also, als nur Gott selbst könnte die menschliche
Seele vernichten; sie selber kann sich von der Quelle
und dem Spender ihres Lebens nicht losreissen, und eben so
wenig durch eine geschöpfliche Kraft davon losgerissen werden.
Sofern einzig Gott als der Urlebendige das Leben in eigenster
Wesenheit ist, ist es allerdings richtig, die fortdauernde Existenz
der menschlichen Seele mit Wilhelm aus einer continuirlichen
göttlichen Action zu erklären; aber es geht nicht an,
Sein und Leben in der menschlichen Seele so zu trennen wie
in demjenigen, was Leben hat, ohne selber Leben zu sein. Die
Seele ist zufolge ihrer gottverwandten Natur Selbstleben, und
wesenhaftes Bild des urlebendigen Ewigen, womit sich nicht
1 De au. V, 25.