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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Psychologie  des  Wilhelm  von  Auvergne.

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liehen  ist  allüberall  gar  keine  Rede;  einerseits  wird  die  Seele
fast  wie  ein  leibloses  Engelwesen  behandelt,  andererseits  wird
sie  wieder  in  excessivem  Grade  vom  Leibe  gedrückt  gedacht,
und  ein  mit  der  Idee  der  organischen  Leiblichkeit  nicht  vereinbares ­
  Dienstbarkeitsverhältniss  des  Leibes  als  das  Gesollte
und  Normale  postulirt.  Im  Grunde  ist  das  nicht  zu  verwundern; ­
  wenn  man,  statt  nach  der  Idee  des  Menschen,  nur  nach
dem  Wesen  der  Seele  fragt,  und  das  Verhältniss  derselben
zum  Leibe  nur  als  ein  nun  einmal  nicht  abweisliches  Accessorium
  ansieht,  so  muss  es  zu  solchen  Schiefheiten  kommen,
wie  deren  mehrere  in  dem  voraus  Gesagten  dargelegt  worden
sind.  So  ist  denn  auch  in  der  eschatologischen  Partie  der
Schrift  Wilhelms  nur  von  der  Seelenunsterblichkeit  die  Rede;
die  künftige  Wiedervereinigung  der  Seele  mit  dem  Körper
wird  zwar  nebenhergehend  auch  festgehalten,  aber  kaum  ein
anderer  Grund  dafür  ausfindig  gemacht  als  dieser,  dass  die
Seele,  nachdem  sie  nun  einmal  auf  und  durch  den  Leib  zu
wirken  befähiget  ist,  desselben  auch  im  Vollendungsstande
nicht,  entrathen  soll.  Sonst  liegt  das  Hauptinteresse  an  der
eschatologischen  Frage  für  Wilhelm  ausschliesslich  in  der  Seelenunsterblichkeit. ­
  Der  Leib  kann  sterben,  die  Seele  nicht, 1
oder  wenigstens  nicht  auf  natürlichem  AVege;  ein  Zugrundegehen ­
  der  Seele  wäre  nur  unter  der  Bedingung  denkbar,  dass
die  continuirliche  göttliche  Lebenseingeistung,  durch  welche
die  Seele  im  Sein  erhalten  wird,  plötzlich  stockte  und  aufhörte. ­
  Niemand  also,  als  nur  Gott  selbst  könnte  die  menschliche ­
  Seele  vernichten;  sie  selber  kann  sich  von  der  Quelle
und  dem  Spender  ihres  Lebens  nicht  losreissen,  und  eben  so
wenig  durch  eine  geschöpfliche  Kraft  davon  losgerissen  werden.
Sofern  einzig  Gott  als  der  Urlebendige  das  Leben  in  eigenster
Wesenheit  ist,  ist  es  allerdings  richtig,  die  fortdauernde  Existenz ­
  der  menschlichen  Seele  mit  Wilhelm  aus  einer  continuirlichen
  göttlichen  Action  zu  erklären;  aber  es  geht  nicht  an,
Sein  und  Leben  in  der  menschlichen  Seele  so  zu  trennen  wie
in  demjenigen,  was  Leben  hat,  ohne  selber  Leben  zu  sein.  Die
Seele  ist  zufolge  ihrer  gottverwandten  Natur  Selbstleben,  und
wesenhaftes  Bild  des  urlebendigen  Ewigen,  womit  sich  nicht

1  De  au.  V,  25.
            
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