Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Paycliologie  des  Wilhelm  von  Auvergne.

307

gethan;  in  Folge  der  mit  dem  Menschen  gebornen  Verkehrtheit
seines  Willens-  und  Strebevermögens,  das,  statt  auf  Gott  als
seinen  natürlichen  Gegenstand  gerichtet  zu  sein,  vielmehr  auf’s
Sinnliche  und  Irdische  gerichtet  ist,  dann  auch  jene  Verdunkelung ­
  und  Niederhaltung  der  intellectiven  Erkenntnisskraft  der
Seele,  die  nur  durch  die  Gnade  des  christlichen  Heiles  wieder
gehoben  werden  kann.  Diese  schroffe  Gegenüberstellung  der
Blindheit  des  gefallenen  Menschen  und  der  erleuchteten  Christlichkeit ­
  deutet  auf  eine  Lücke  in  Wilhelms  Denkzusammenhange
  hin,  die  freilich  im  Zeitalter  der  scholastisch-theologischen
Bildung  niemals  gefühlt,  aber  auch  späterhin  nicht  sofort  entdeckt ­
  und  ausgefüllt  wurde,  nämlich  das  völlige  Uebersehen
eines  traditionellen  menschheitlichen  Erbes  religiös-sittlicher
Anschauungen,  ohne  welche  ein  historisches  Culturleben-  der
Menschheit  gar  nicht  denkbar  wäre,  und  welches,  in  den  einzelnen ­
  Kreisen  und  Epochen  des  gemeinmenschlichen  Culturlebens
  wie  immer  gestaltet  und  modificirt,  doch  allenthalben,
wo  es  -  vorhanden  ist,  jeden  Einzelnen,  der  an  diesem  Erbe
Theil  hat,  bis  zu  einem  bestimmten  Grade  geistig  hält  und
trägt,  und  ihm  auch  ausserhalb  der  christlichen  Heilsgemeinschaft ­
  ein  gewisses.  Mass  von  religiöser  Erkenntniss  und  sittlicher ­
  Bildung  möglich  macht.  Diess  ist  einer  jener  Punkte,
an  welchen  sich  deutlich  offenbart,  dass  das  christlich-theologische
Denken,  um  sich  dem  gemeinmenschlichen  Denken  und  Fühlen
zu  bewahrheiten,  sich  auf  dem  Grunde  des  gemeinmenschlichen
Culturlebens  mit  sich  selber  vermitteln  müsse.  Es  genügt  nicht
zu  sagen  und  zu  zeigen,  was  in  Folge  des  ersten  Falles  aus
dem  Fallenden  selber  und  dem  gesammten  ihm  entstammten
Geschlechte  geworden  ist  und  werden  musste;  es  müssen  auch
die  vom  Anbeginn  her  in  der  Geschichte  des  gefallenen  Geschlechtes ­
  wirksamen  Mächte  der  Rettung  und  Heilung,  nicht
bloss  die  übernatürlichen,  sondern  auch  die  natürlichen,  in’s
Auge  gefasst,  und  es  muss  gezeigt  werden,  wie  die  Gesammtheit
  und  jeder  Einzelne  in  ihr  durch  diese  von  Anbeginn  her
vorgesehenen  Mittel  und  Thaten  der  Rettung,  in  denen  Gott
selbst  ist,  gehalten  und  getragen  ist.  Darauf  zu  advertiren,
möchte  insbesondere  von  jenem  Standpunkte  nahe  liegen,  der
die  menschliche  Seele  in  eine  so  nahe  Gegenwart  des  Göttlichen ­
  rückt,  wie  es  von  Seiten  Wilhelms  der  Fall  ist;  aber
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.