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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

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Werner.

was  er  aufzeigen  will.  Verhielte  sich  die  Seele  im  intellectiven
Erkennen  nicht  activ  —  sagt  Wilhelm  —  so  gäbe  es  keine
Denkanstrengung  und  Mühe  des  Studirens;  ihre  Erkenntnisse
stünden  im  Range  nicht  höher  als  die  durch  sinnlichen  Augenschein ­
  erworbenen  Erkenntnisse;  es  könnte  von  keinen  Tugenden ­
  des  Intellectes  die  Rede  sein  u.  s.  w.  Diess  und  anderes,
was  Wilhelm  weiter  noch  bemerkt,  ist  an  sich  ganz  richtig;
aber  das  active  Verhalten  der  Seele  in  Erzeugung  und  Hervorbildung ­
  ihrer  Erkenntnisse  ist  damit  nicht  erklärt  und  aufgehellt. ­

Was  Wilhelm  über  das  Erkenntnissieben  der  Seele  beibringt, ­
  reducirt  sich  auf  Hervorhebung  des  wahren  und  eigentlichen ­
  Gegenstandes  der  menschlichen  Erkenntniss,  der  kein
anderer  als  Gott  ist,  so  dass  ohne  lebendige  Erkenntniss  Gottes
der  Erkenntnisshunger  der  menschlichen  Seele  schlechthin  ungestillt ­
  bleibt.  1  Die  eigentliche  Heimath  der  menschlichen
Seele  als  intellectiven  Wesens  ist  die  Welt  der  Intelligibilien;
das  Universum  intelligibile  ist  aber  eben  der  Schöpfer  selber
als  lichtestes  und  distinctestes  Urbild  des  Universums.  Demzufolge ­
  kann  auch  die  Seele  ntir  zufolge  einer  innigsten  Vereinigung ­
  mit  Gott  zur  Erkenntniss  aller  Wahrheit  und  somit
zur  Befriedigung  ihres  intellectiven  Bedürfnisses  und  Strebens
gelangen.  Ihr  Verhältniss  zum  Schöpfer  kann  nach  dieser
Seite  mit  dem  Verhältniss  eines  minder  reinen  und  minder
glatten  Spiegels  zu  einem  vollkommen  reinen  und  hellen  Spiegel ­
  verglichen  werden;  bringt  man  den  minder  vollkommenen
Spiegel  in  die  rechte  Stellung  zum  vollkommenen,  so  wiederscheinen ­
  in  ihm  die  Bilder,  die  der  vollkommene  Spiegel  aufzeigt. ­
  Gott  ist  als  lichtstrahlende  veritas  prima  nicht  blos  das
absolute  Object,  sondern  auch  der  absolute  Mittler  aller  intellectiven
  Erkenntniss  der  Seele, 2  und  ist  ihr  zufolge  ihrer  gottverwandten ­
  Wesenheit  auch  an  sich  allezeit  nahe,  wofern  nicht
sie  selber  ohne  Gottes  Zuthun  und  gegen  seinen  Willen  von
ihm  abgewendet  ist.  Ein  solches  Abgewendetsein  ist  nun,  wie
wir  bereits  oben  aus  ^Vilhelms  Munde  hörten,  in  Adams  gefallenem ­
  Geschlechte  allen  Menschenseelen  von  Geburt  an  an-1
  De  an.  VII,  2.
2  De  an.  VII,  7.
            
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