Die Psychologie des Wilhelm von Auvergne.
305
haben, die Intellectualformen der Dinge durch sich selber zu
schaffen, und der intelloctus agens als eine überflüssige Fiction
erscheint. Die Verwandtschaft dieser Sätze mit den Anschauungen
Malebranche’s springt in die Augen; und nicht mit Unrecht
haben französische Neucartesianer in ihrem Landsmann Wilhelm
von Auvergne im Allgemeinen einen Vorläufer des Cartesianismus
des 17. Jahrhunderts erkannt. Er ist es auf dem
Gebiete der Seelenlehre hinsichtlich jener Punkte, in welchen
er, wie wir im Vorausgehenden sahen, gegen die peripatetische
Scholastik Stellung nimmt.
So entschieden sich Wilhelm dagegen erklärt, den intcllcctus
agens als ein besonderes vom intellectus possibilis verschiedenes
Vermögen anzuerkennen, so ist er dessungeaohtet
keineswegs gewillt, die Activität der Seele in Erzeugung ihrer
intelloctuellen Erkenntnisse in Abrede zu stellen; 1 nur hat es
seine eigentümlichen Schwierigkeiten, Wilhelin’s Illuminismus
mit seiner Behauptung, dass der Seele eine die intelligiblen
Formen erzeugende Kraft eigen sei, zu vereinbaren. Die Vereinbarung
wird wohl darin zu suchen sein, dass die Seele als
erkennende überhaupt eine thätige sei, und demnach auch im
Hervorstellen der in sie aus Gott als veritas aüerna und archetypus
niundi hineingestrahlten Wahrheiten und Bilder activ sich
verhalte. Gleichwohl wird man nicht umhin können, ihre bewusster
Weise selbstgewollten Thätigkeiten auf ihre ratiocinativen
Functionen zu beschränken; das Uebrige, nämlich die
Apperceptionen der Ideen und der logischen Gesetze, nach
welchen, diese Ideen mit einander zu verknüpfen sind, vollziehen
sich, so zu sagen, von selber, sie stehen den spontanen
Denkoperationon der Seele, wie eine Naturthätigkoit der Kunstthätigkeit
gegenüber. Von einer Advertenz auf den Unterschied
dieser beiden Arten intellectiver Thätigkcit ist jedoch
bei Wilhelm keine Bede, dazu ist seine Erkenntnistheorie
viel zu wenig ausgcbildet; auch machen seine Gründe für die
Nothwendigkeit, der Seele ein actives Hervorbringen ihrer
intellectiven Erkenntnisse zuzuerkennen, weit mehr den Eindruck
von Postulaten des zu Beweisenden, als von wirklichen,
aus dem Wesen der Seele geschöpften Erweisungen dessen,
1 De an. IV, 8.