Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

304

Werner.

Strebethätigkeit  sein  müsse,  als  dass  er  das  absolute  Ziel  derselben ­
  sei,  wie  er  denn  ganz  gewiss  nicht  das  absolute  Ziel,
sondern  vielmehr  das  absolute  Complement  derselben  ist,  kraft
dessen  der  Mensch  oder  die  Seele  in  den  von  ihr  absolut
begehrten  Stand  der  Befriedigung  und  Vollendung  emporgehoben ­
  wird.
Wilhelms  Lehre  vom  Gewissen  steht  in  genauem  Zusani;
menhange  mit  seiner  gesammten  Erkenntnisslehre.  Er  bestreitet
die  Annahme  eines  intellectus  agens  als  eines  vom  intellectus
materialis  oder  possibilis  verschiedenen  Vermögens,  1  und  natürlich ­
  noch  mehr  Avicenna’s  Lehre  vom  intellectus  agens  als
einer  vom  Seelenwesen  verschiedenen  höheren  himmlischen
Potenz,  die  zwischen  Gott  uud  der  Seele  stünde.  Seine  Gründe
gegen  die  erstere  Annahme,  nämlich  gegen  die  Lehre  vom
intellectus  agens  als  besonderem  Seelenvermögen,  sind  zum
Thoile  dieselben,  die  er  gegen  die  Abscheidung  der  Seelenkräfte ­
  vom  Seelenwesen  im  Allgemeinen  richtet,  theils  aber
sind  sie  aus  seiner  Grundansicht  über  die  Natur  und  Art  des
menschlichen  Erkennens  geschöpft.  Seine  Erkenntnisslehre  ist
empiristischer  Uluminismus  in  Verbindung  mit  platonischen
Elementen,  die  sich  in  den  Sätzen,  dass  das  Reich  der  Intclligibilien
  die  wahre  Heimath  der  Seelen  sei  und  die  Irrthümer
aus  der  Versenkung  in’s  Sinnliche  entspringen,  aussprechen.
An  die  Grenzscheide  zweier  Welten  gestellt  2  communicirt  die
Seele  mittelst  ihres  Leibes  mit  der  Körperwelt,  die  andere
Welt  aber  ist  der  Schöpfer  selber  als  Archetyp  der  Schöpfung
und  Spiegel  der  Intelligibilien;  3  in  diesem  Spiegel  schaut  die
Seele  die  obersten  Denkwahrheiten  und  Gesetze  der  Sittlichkeit, ­
  daselbst  ist  der  Gesammtschatz  aller  jener  Erkenntnisse
aufgehoben,  die  der  geschaffene  Intellect  nicht  durch  sich,
sondern  im  Lichte  der  Gnade  erschaut.  So  ist  der  Schöpfer
gleichsam  ein  lebendiges  Buch,  in  welchem  die  Seelen  unmittelbar ­
  lesen,  ein  formenbildender  Spiegel  (speculum  formificum),
  in  den  sie  schauen,  so  dass  also  die  Seelen  nicht  nöthig

1  De  an.  VII,  3—5;  cfr.  IV,  7.  8.
2  De  an.  VII,  G.
3  Speculum  universalis  et  lucidissimae  apparitionis  universalig  primorum
intelligibilium.  Ibid.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.