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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

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Werner.

worden  war  —  er  hat  es  noch  nicht  so  weit  gebracht,  die  Gewissensanlage
  als  etwas  aus  der  sittlichen  Organisation  des
Menschen  zu  Erklärendes  zu  erkennen.  Albertus  Magnus 1
nimmt  die  Synderesis  als  Seelenvermögen,  nicht  als  reines
Vermögen,  sondern  als  etwas,  was  zugleich  Vermögen  und
Habitus,  oder  potentia  cum  habitu 2  ist,  nämlich  cum  habitu
principiorum  justitise  et  juris  naturalis.  Im  Gegensatz  zu
Wilhelm  behauptet  er  ferner  sowohl  die  Irrthumslosigkeit  als
die  Unverlierbarkeit  der  Synderesis,  die  ja  in  den  ewig  Verworfenen ­
  als  jener  Wurm,  der  nicht  stirbt,  sich  erweise.
Thomas  Aquinas  3  vereinfacht  die  Lehre  Albert’s,  indem  er  die
Synderesis  einfach  als  liabitus  principiorum  operabilium  definirt,
und  gegen  den  theoretischen  Intellect  als  habitus  principiorum
speculabilium  contradistinguirt.  Mit  dieser  Auffassung  Albert’s
und  Thomas’  ist  das  Gewissen  als  etwas  zum  Wesen  der
menschlichen  Seele  Gehöriges  anerkannt,  aber  ausschliesslich
in  die  Sphäre  der  Erkenntnissthätigkeit  gewiesen.  Das  Gewissen ­
  als  Sinn  und  Trieb  im  Menschen  kommt  da  nicht  zu
seinem  Rechte.  Weiter  sind  die  principia  operabilia  der  Synderesis ­
  eben  so  rein  abstract-formaler  Natur,  wie  die  principia
speculabilia  des  rein  theoretischen  Intellectes;  die  Synderesis
sagt  dem  Menschen,  dass  man  das  Gute  thuu,  das  Böse  meiden
müsse,  belehrt  aber  unmittelbar  und  durch  sich  selbst  nicht
darüber,  was  gut  und  was  böse  sei.  Dieser  Mangel  in  der
Auffassung  des  Gewissens  hängt  nun  wohl  eben  damit  zusammen, ­
  dass  es  nur  als  Erkenntnisshabitus,  nicht  aber  zugleich
als  innerer  geistiger  Seelensinn  gefasst  wird  —  ein  Sinn,  in
dessen  Apperception  sich  dem  Menschen  das  sollicitirte  oder
verletzte  Gefühl  der  himmlischen  Abkunft  und  gottverwandten
Natur  seiner  Seele  vernehmbar  macht  und  zum  Bewusstsein
bringt.  Eben  so  ist  die  Synderesis  der  scholastischen  Peripatetiker
  viel  zu  sehr  vom  seelischen  Triebvermögen  abgelöst;
während  dem  der  menschlichen  Seele  von  ihnen  zuerkannten

1  Summa  de  creaturis  P.  II,  qn.  69.
2  Alexander  von  Haies  (Summ,  theol.  II,  qu.  76,  mbr,  1)  drückt  sich  hierüber ­
  so  aus  :  Dicendum,  quod  synderesis  nec  tantum  sonat  in  potentiam,
nec  tantum  in  habitum,  sed  in  potentiam  babitualem,  ut  notetur  habitus
naturalis  non  acquisitus.
5  1  qu.  79,  art.  12.
            
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