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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

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Werner.

lichkeit  ihrer  intellectiven  Natur;  denkt  man  sicli  diese  vielartige
Vermöglichkeit  ihres  denkhaften  Wesens  von  ihr  hinweg,  so
bleibt  von  diesem  denkhaften  Wesen  gar  nichts  übrig.  So  weit
also  die  scholastische  Abscheidung  der  Seelenvermögen  von  der
Essenz  der  Seele  auf  die  aristotelische  Kategorienlehre  sich
gründet,  1  gehört  sie  dem  Gebiete  eines  abstract  formalisirenden
  Denkens  an,  welches  in  das  Wesen  der  lebendigen  Seelennatur ­
  keinen  Einblick  gewährt.  Und  es  ist  weiter  nicht  zu  verkennen, ­
  dass  jene  Abscheidung  der  Scholastik  durchaus  nur  auf
die  dem  peripatetischen  Denken  geläufigen  Distinctionen  gestützt
war  •—  Distinctionen,  die,  sofern  sie  bloss  künstliche,  und  auf
Grund  der  einmal  als  gültig  feststehenden  Grundbegriffe  der
Peripatetik  angenommen  waren,  mit  der  Abwendung  von  der
peripatetischen  Denkkunst  ihre  Bedeutung  verloren,  ja  mitunter
geradezu  unverständlich  wurden.  Es  ist  übrigens  kein  Zweifel,
dass  die  Mehrdeutigkeit  des  Wortes  ,Essenz'  ihrerseits  dazu
beitrug,  die  Abscheidung  der  Seelenvermögen  vom  Seelenwesen
zu  verfesten;  identificirte  man  den  Begriff  der  Essenz  mit  jenem
der  Substanz,  so  konnte  man,  da  das  ,Vermögen'  als  solches
und  seinem  Begriffe  nach  keine  Substanz  ist,  nicht  umhin,  es
zum  Accidens  der  Substanz,  welcher  es  eignet,  herabzusetzen;  2
man  übersah  hiebei  nur,  dass  man  eine  Distinction,  die  einem
in  seiner  Steifheit  ziemlich  unvollkommenen  subjectiven  Denkmodus ­
  entsprach,  nicht  sofort  als  eine  im  gedachten  Objecte
selber  bestehende  nehmen  dürfe.  Man  würde  indess  den  Scholastikern ­
  unverdient  nahe  treten,  wollte  man  behaupten,  dass
sie  nicht  durch  ein  wirkliches  sachliches  Interesse  zu  jener
Distinction  hingedrängt  worden  wären.  Schon  Albertus  deutete
es  in  Kürze  an;  es  handelte  sich  um  den  metaphysischen  Unterschied ­
  des  menschlichen  Seelenwesens  von  der  göttlichen  Wesenheit.
  Die  göttliche  Essenz  ist  absolut  einfach,  dem  menschlichen ­
  Seelenwesen  kommt  Einfachheit  nur  in  relativem  Sinne
zu;  Gott  ist  das  absolute  Können  in  eigenster  Wesenheit  und
Wirklichkeit,  die  menschliche  Seele  ist  es  nicht,  hat  aber  ein

1  Vgl.  Thomas  Ag.  Summ.  I,  qu.  77,  art.  1:  Operatio  animse  non  est  in
genere  substantiaj.  —  Cum  potentia  animse  non  sit  ejus  essentia,  oportet
quod  sit  accidens,  et  est  in  secunda  specie  qualitatis.
2  Dawider  richtet  sich  Wilhelms  Polemik:  De  an.  III,  4.
            
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