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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Psychologie  des  Wilhelm  von  Anvergne.

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mittelbar  Wirkungen  der  Seelensubstanz  selber.  Wenn  sonach
von  einem  Erkennen,  Wollen,  Zürnen,  Begehren  u.  s.  w.  der
Seele  die  Rede  ist,  so  hat  man  der  Seele  nicht  ein  besonderes
Erkenntnisvermögen,  Willensvermögen,  ^9-ugaov  und  up,y)Ttz.sv
beizulegen,  sondern  in  den  Operationen  dieser  verschiedenen
vermeintlichen  Vermögen  ist  jederzeit  unmittelbar  die  Seele
als  solche  thätig,  die  ihrer  Substanz  nach  Eine  nach  verschiedenen ­
  Beziehungen  auf  verschiedene  Weise  wirkt.  Wilhelm
kann  mit  gutem  Grunde  sagen,  dass  diese  Lehre  nicht  seine
Erfindung  ist,  und  sich  auf  aliquos  ex  majoribus  et  sapientioribus
  theologorum  legis  christianorum  berufen,  die  eben  so
gelehrt  hätten.  So  weit  und  wo  immer  durch  das  ganze  frühere
Mittelalter  bis  auf  Wilhelm  herab  Augustins  Ansehen  herrschte,
galten  auch  die  von  Wilhelm  vertretenen  Sätze  über  die  Einfachheit ­
  der  untheilbaren  Einen  Seelensubstanz  im  Menschen.
Wir  berufen  uns  der  Kürze  halber  auf  eine  aus  verschiedenen
Autoren  der  patristischen  und  der  älteren  mittelalterlichen  Zeit
zusammengetragenen  Schrift  psychologischen  Inhaltes,  die  den
unter  Hugo’s  a  St.  Viotor  Namen  gehenden  vier  Büchern  de
anima  als  zweites  Buch  einverleibt  ist,  und  unter  dem  Titel:
De  spiritu  et  anima,  auch  unter  den  unechten  Werken  Augustin’s
vorkommt.  1  Sofern  diese  Sammelschrift  die  Sätze  und  Lehren
der  vornehmsten  und  bekanntesten  Vertreter  christlich-philosophischer ­
  Anschauungen  von  Augustinus  an  bis  in’s  zwölfte
Jahrhundert  herab  wiedergiebt,  kann  sie  als  Repräsentation
der  psychologischen  Anschauungen  des  gesammten  früheren
Mittelalters  gelten.  Die  in  dieser  Schrift  vorgetragenen  Lehren
sind  nun  grösstentheils  augustinische,  entweder  unmittelbar  aus
den  Schriften  Augustins  selber  gezogen,  oder  aus  den  Werken
anderer  Verfasser,  von  welchen  Augustins  Schriften  zu  Rathe
gezogen  wurden.  Obwohl  die  Tendenz  des  ganzen  Buches  vorwiegend ­
  eine  moraliseh-ascetische  ist,  so  ist  doch  zugleich,  wenn
auch  ziemlich  zusammenhangslos  und  zerstückelt,  das  gesammte
Materiale  einer  rationalen  Psychologie  darin  enthalten;  es  wird
öfter  als  einmal  eine  vollständige  philosophische  Definition  vom
Wesen  der  menschlichen  Seele  gegeben,  von  den  verschiedenen

1  So  in  Migne’s  Abdruck  der  Werke  der  lateinischen  Kirchenväter  Tom.
XL  (sechster  Band  der  Werke  Augustins)  p.  779—830.
Sitzungtjber.  d.  phil.-liist.  CI.  LXXIII.  Bd.  II.  Hft.  18
            
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