266
W erner.
noch weit genauer, weil die Selbsterkenntniss der Seele nicht,
wie die äussere Personenlcenntniss, durch Sinneseindrücke vermittelt,
sondern eine unmittelbare Intellectualerkenntniss ist.
Wenn man nach Aristoteles an der Sprechweise des Menschen
den ihn innerlich bewegenden Affect erkennt, um wie viel
mehr wird die Seele an ihren Affecten und Stimmungen, die
ihr unmittelbar inhäriren, sich selber erkennen! Man sagt
wohl, dass die Leidenschaften die Selbsterkenntniss der Seele
verdunkeln; diese Verdunkelung geht indess nicht soweit, dass
der mit einem bestimmten Laster Behaftete nicht wüsste, dass
er dasselbe übe; im Gegentheile ist ihm dieser Habitus seiner
Seele unmittelbar bewusst. Wenn es den Menschen thatsächlich
sehr schwer ist, sich zum intellectuellen Erkennen des
geistigen Wesens seiner Seele zu erheben, so hat diess seinen
Grund in der Gewöhnung an die sinnliche Anschauung, 1 die
z. B. auch macht, dass Viele, obschon sie um die Geistigkeit
der Engelwesen wissen, sich doch dieselben unter jenen Gestalten
vorstellen, in welchen sie dieselben auf Gemälden oder
durch Statuen dergestalt zu sehen gewohnt sind. Es ergeht
dem Menschen hiebei so, wie es dem menschlichen Auge ergeht,
wenn es an die Dunkelheit gewöhnt plötzlich von der
lichten Tageshelle überrascht und geblendet wird. Diese Hindernisse
und Wirrnisse des zeitlich-irdischen Menschendenkens
werden hinwegfallen, wenn der Mensch dereinst mit dem ewigen
Lichte der Geister d. i. mit Gott ganz und vollkommen vereiniget
sein wird.
Die Zuversicht, mit welcher Wilhelm das unmittelbare
Selbsterkennen der menschlichen Seele behauptet, stützt sich
auf seine Ueberzeugung von der Geistigkeit, und von der in
dieser Geistigkeit begründeten Einfachheit der Seele. Diese
lässt nämlich nach seiner Ansicht eine Abscheidung der Seelenvermögen
vom Wesen der Seele nicht zu; 2 von der Essenz
der Seele abgeschieden müssten die sogenannten Seelenvermögen
als Accidenzen genommen werden, reine Accidenzien
können aber nicht als Wirkungsprincipien genommen werden.
Also sind die ihnen zugeschriebenen Wirkungen eben nur un-1
Do ,in. III, 14.
2 De an. III. G.