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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Psychologie  des  Wilhelm  von  Auvergne.

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einer  Wesensgleichheit  der  Menschenseelen  mit  den  höheren
Geistern  1  entschieden  abgelehnt,  und  damit  auch  eine  wesentlich ­
  andere  Auffassung  und  Behandlung  der  Fragen  und  Probleme ­
  intonirt,  wie  wir  des  Näheren  sofort  ersehen  werden.
Die  augustinisclie  Psychologie  steht  im  Gegensätze  zur
aristotelischen  wesentlich  auf  platonischem  Standpunkte,  womit
natürlich  nicht  eine  Identität  der  augustinischen  Psychologie
mit  der  platonischen,  sondern  nur  die  allgemeine  Richtung  der
ersteren  bezeichnet  werden  will.  Die  augustinisclie  Psychologie
zeigt  sich  mit  der  platonischen  verwandt,  sofern  sie  mit  Vorliebe ­
  den  gottverwandten  Zügen  des  menschlichen  Seelenwesens
nachforscht,  so  dass  sich  ihr  das  gottverwandte  Wesen  der
menschlichen  Seele  als  Hauptgegenstand  der  psychologischen
Betrachtung  in  den  Vordergrund  stellt,  und  alles  Andere,  was
die  rationelle  Psychologie  sonst  noch  in  den  Kreis  ihrer  Erörterungen ­
  zu  ziehen  hat,  fast  nur  als  Vorbedingung  der  richtigen ­
  Erkenntniss  dessen,  was  die  Seele  nach  ihrer  gottverwandten
  Seite  ist,  erscheint.  Dabei  betont  sie  im  Gegensätze
zu  der  von  den  scholastischen  Peripatetikern  urgirten  Mittelbarkeit ­
  des  seelischen  Selbsterkennens  die  Unmittelbarkeit  dieses
Erkennens,  und  bezeichnet  die  selbsteigene  Seele  des  Menschen
als  das  seinem  Erkennen  nächstgelegene,  und  zufolge  ihrer
Geistigkeit  zugleich  weit  heller  und  klarer  als  die  sinnliche
Körperwelt,  erkennbare  Object.  Dieser  Charakter  verblieb  der
christlichen  Psychologie  während  der  ganzen  früheren  Hälfte
des  Mittelalters,  und  tritt  auch  in  den  psychologischen  Erörterungen ­
  Wilhelms  trotz  ihrer  Versetzung  mit  den  in  der  peripatetisch ­
  gewordenen  Scholastik  üblichen  Digressionen  und
Untersuchungen  deutlich  genug  hervor.  Die  menschliche  Seele
erkennt  sich,  sagt  Wilhelm, 2  aus  ihren  Handlungen,  Stimmungen ­
  und  Thätigkeiten  nicht  nur  eben  so  genau,  als  man
den  Sokrates  oder  einen  anderen  Menschen  an  den  seine  Person ­
  kenntlich  machenden  äusseren  Merkmalen  erkennt,  sondern
1  Vgl.  Aug.  de  lib.  arb.  III,  11:  Anima;  rationales  illis  superioribus  (spiritibus)
  officio  quidem  impares,  sed  natura  pares  sunt.  —  De  quant.  an.,
c.  34:  Eorum,  quse  Deus  creavit,  anima  rationali  quidquam  deterius  est,
quiddam  par:  deterius,  ut  ut  anima  pecoris,  par  ut  augeli,  melius  autem
nihil.
2  De  an.  III,  12.
            
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