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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 73. Band, (Jahrgang 1873)

mit  der  Geissei  über  Völker  zu  herrschen,  die  sie  mit  dem
krummen  Säbel  und  mit  den  Pfeilen  sich  unterwarfen.  Ihre  Wanderung' ­
  ist  ein  Hinausströmen  überreichen  Menschensegens  in
leergewordene  Räume,  ohne  Aufregung,  ohne  Heldenthum,  ohne
Schwung  thatenkühner  Kraft.  Der  Germane  lebt  sich  in  die
staatlichen  Ordnungen  ein,  welche  er  auf  den  eroberten  Culturräumen
  vorfindet,  der  Türke  schafft  aus  dem  Nichts,  das  seine
Zerstörung  hervorruft, 1  eine  neue  kräftige  Ordnung,  der  Slave
bewahrt  auf  der  Tabula  rasa,  die  er  fast  aller  'Orten  schon
trifft,  die  alten  aus  der  Heimath  gebrachten  Zustände  weiter.
Die  Wanderung  kittet  seine  Schaaren  nicht  fester  zusammen,
sie  schafft  keine  Heerkönige,  keine  Schwertreiche.  Kaum  dass
im  Zusammenstosse  mit  der  römischen  Welt  in  kleinen  Raubgängen, ­
  die  keine  Helden  bildeten,  die  Namen  Ardagast,
Musok,  Piragast  sich  hervorheben,  Namen,  an  die  man  die
germanischen  Ermanarich,  Alarich,  Tlieodorich,  Alboin,  Clodwig
  zu  halten  braucht,  um  den  Unterschied  auf  das  grellste
zu  bezeichnen.  Daher  gibt  es  auch  eine  liunische,  eine  osmanische
  Eroberungs-Sage,  ein  germanisches  Epos  aus  der  Völkerwanderungszeit, ­
  aber  keine  slavische  Völkerwanderungssage;
erst  die  späteren  Tage  ernsten  Kampfes  um  Boden  und  Freiheit ­
  haben  bei  Russen  und  Serben  das  Heldenlied  gezeitigt.
Die  ausgewanderten  Zweige  der  Slaven  haben  keine  Erinnerung ­
  an  das  Mutterland  am  Dnieper  bewahrt  und  im  Mutterlande ­
  ist  eben  so  wenig  ein  Andenken  zurückgeblieben  an  die
Aussendung  so  vieler  Söhne  nach  Süd  und  West.  Kein  Zusammenhang ­
  verband  die  beiden  hinfort  mit  einander.  Dem
Geschichtschreiber,  der  zuerst  unter  den  Slaven  hervortrat,
drängte  sich  das  Bedürfniss  einer  Erklärung  auf,  woher  alle
die  sprachlich  sich  so  nahe  stehenden  Stämme  ihren  Ausgang
1  A.  Jaubert  ('Journal  asiatique  12,  485)  eharakterisirt  dies  in  kräftigen
Worten:  Ce  n’etait  pas  tant  tambur  du  pillage  que  l’ardeur  de  la  destruction
qui  les  (les  peuples  de  race  mong’ole)  dirigeait.  S’ils  n’eussent  etd  que  conqinhants,
  ils  auraient  songe  ä,conserver;  si  le  patriotisme,  l’amour  de  la
gloire  eussent  ete  leurs  mobiles,  ils  auraient  voulu  perpetubs,  par  des
etablissements  durables,  le  Souvenir  de  leurs  succes;  mais  un  sentiment
de  vengeance  (teile  est  l’expression  dont  se  servent  les  auteurs  turks)
aveugle,  imprevoyante,  une  soif  inextinguible  de  sang  et  de  carnage,  un
instinct  malheureux  qui  les  portait  h  ne  se  complaire  qu’au  milieu  des
ruiues,  telles  furent  leurs  passions.  —
            
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