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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 72. Band, (Jahrgang 1872)

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Horawitz.

Ursperger  zu  begegnen,  so  sieht  man  bei  näherer  Vergleichung
stets,  dass  Rhenanus  nur  das  Stoffliche  entlehnt  hat  und  dass
er  auch  hier  sehr  wählerisch  zu  Werke  ging.
Eine  besonders  erfreuliche  Eigenthümlichkeit  des  Rhenanus
ist  die  Angabe  der  Zeit,  in  welcher  ein  Quellenschriftsteller
gelebt  hat,  beim  Namen  desselben.  Man  möchte  daraus  die
Meinung  gewinnen,  dass  er  die  Bedeutung  dieser  chronologischen
Bestimmung  für  die  Glaubwürdigkeit  des  Berichterstatters  hinlänglich ­
  gewürdigt.  Aber  auch  sonst  ist  das  Ergebniss  der
Prüfung,  wie  er  sich  zu  den  Quellen  gestellt,  ein  günstiges  zu
nennen.  Fragen  wir  uns:  Ist  Rhenanus  seines  Stoffes  Herr
geworden?  so  müssen  wir  antworten:  Gewiss,  er  gehört  nicht
zu  jenen,  die  durch  den  Stoff,  den  sie  unverdrossenen  Fleisses
herbeischleppten,  gehemmt,  Lastträgern  gleichen,  die  unter
ihrer  schweren  Bürde  seufzen,  nicht  recht  weiter  kommen  und
die  Last  doch  nicht  wegwerfen  wollen.  Er  verfügt  dagegen
mit  grosser  Geschicklichkeit,  mit  souverainer  Gewalt  über  sein
Material,  das  für  ihn  stets  nur  Mittel  zum  Zwecke,  das  für  ihn
stets  Material'  bleibt.  Sein  Werkzeug  —  die  Kritik  aber  weiss
er  trefflich  zu  gebrauchen,  unter  ihm  wird  das  Rohmaterial
zur  schönen  Form  und  fügt  sich  zum  stattlichen  Bau.  Oder,
um  ohne  Bild  zu  sprechen:  Rhenanus  kennt  die  Quellen,  hat
sie  gründlich  studirt,  prüft  ihre  Glaubwürdigkeit,  traut  keiner
blindlings  und  unterzieht  alle  der  Kritik.  Er  ist  ohne  alle
Voreingenommenheit, 1  die  Erforschung  des  Alterthums,  das
Finden  der  Wahrheit  ist  sein  Ziel, 2  er  ist  auch  in  seinen  Beweisführungen ­
  der  bescheidene  Mann,  der  er  im  Privatverkehre
war,  er  stellt  seine  Hypothesen  nicht  als  Dogmata  hin,  ich
kann  es  nicht  verhehlen,  sagt  er  da  wohl,  dass  ich  hier  meine
Conjectur  äussern  werde.  (S.  144.)  Er  ist  durchaus  nicht  vertrauensselig, ­
  ,ich  glaube  nicht  allen  Historikern',  sagt  er  ausdrücklich ­
  (S.  147)  und  zeigt  dies  an  vielen  Stellen  durch  die
That.  Er  vergleicht  z.  B.  die  Glaubwürdigkeit  zweier
Schriftsteller  und  weiss  ihre  Widersprüche  geschickt  auszu-1

  Nos  hic  ut  in  caeteris  ingenue  nostram  opinionem  aperuiraus  in  nullius
certe  praeiuclicium.  Liberum  esto  cuique  sentire,  quod  libet  142.
2  Quandoquidem  mag’is  nobis  animus  est,  antiquitatem  excutere,  quam
nova  stilo  persequi,  dies  ist  überhaupt  der  Keim  seines  ganzen  Wirkens.
            
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