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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

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T  li  a  n  e  r.

Verliehen  nun  die  Päpste  Privilegien,  so  musste  ihnen,  folgerte
Gratian,  nothwendig  das  Gesetzgebungsrecht  zustelien.
An  die  Spitze  seiner  Beweisführung  (Dich  Grat.  §.  1)
stellte  er  daher  einen  Satz,  der  nichts  als  eine  Uebertragung
des  cap.  1.  Nov.  131. 2  auf  die  kirchlichen  Verhältnisse  ist;  wie
der  römische  Kaiser  den  Canones  der  vier  ersten  allgemeinen
Concilien  Gesetzeskraft  verlieh,  so  ertheilt  erst  die  römische
Kirche  den  heiligen  Canones  rechtswirksame  Autorität.
Im  §.  2  des  Dictum  sind  die  Sätze:  ,Sacri  siquidem  canones ­
  ita  aliquid  constituunt,  ut  interpretationis  auctoritatem
sanctae  Eomanae  ecclesiae  reservent.  Ipsi  namque  soli  canones
valent  interpretari,  qui  ius  condendi  eos  habent',  offenbar  nachgebildet ­
  der  Novelle  143.  pr.:  ,Legis  interpretationem  culmini
tantum  principali  competere  nemini  venit  in  dubium,  quum
promulgandae  quoque  legis  auctoritatem  sibi  vindicet  eminentia/ 3
Die  Tendenz,  gesetzgebende  Gewalt  in  der  Kirche  zu
erlangen,  hat  der  apostolische  Stuhl  lange  vor  Gratian  befolgt.
Gregor  VII.  war  der  energischeste  Vorkämpfer  dieser  Richtung:
1  S.  Sehlayer,  die  Privilegien  nach  den  Quellen  des  gemeinen  Rechtes,  in
Linde’s  Zeitschrift  N.  F.  XII,  2.  S.  63,  64  verglichen  mit  Dict.  Grat,
cit.  §.  2  i.  f.:  .Privilegia  namque  dicuntur  tanquam  privata  legia,  eo  quod
privatam  legem  singulis  generent 1 .  Eine  solche  Yerwerthung  des  römischen
Rechtes  darf  bei  Gratian  um  so  weniger  Wunder  nehmen,  als  er  nach
dem  Zeugnisse  des  Johannes  Faventinus  selbst  die  Glossatoren  der
Digesten  kannte  und  benutzte;  s.  S  e  h  u  11  e,  Rechtshandschriften,  Sitzungsber.
Bd.  LYII.  S.  591.  Johannes  Faventinus  sagt  zum  Dictum  Gratiani  ad  c.  31.
G.  II.  Q.  0.:  ,ab  observatione  iudicii  mei‘  hoc  addidit  Gratianus  auctoritate
sua.  Nam  celera  verba  formam  apostolorum  habet  a  viris  interpretibus  in  ff.
Umgekehrt  hat  der  Verfasser  des  sog.  5.  Buches  des  Petrus  das  Decretum
  Gratiani  benutzt.  Durch  die  zuvorkommende  Güte  des  Herrn  Instituts-Mitgliedes
  Leopold  Delisle  in  Paris  und  des  Herrn  Bibliothekars
Commend.  Gasp.  Gorresio  in  Turin  habe  ich  nämlich  erfahren,  dass
die  beiden  Handschriften  der  Exceptiones  Petri,  sowohl  Ms.  lat.  4709  zu
Paris  als  Cod.  D.  V.  19  zu  Turin  im  citirten  Appellations-Formulare
den  Zusatz  Gratian’s  haben,  jedoch:  ad  observationein  mei  iudicii.
S.  Savigny,  Geschichte  II.,  S.  138.
2  ,Sancimus  igitur,  ut  legum  vicem  obtineant  sacri  ecclesiastici  canones,
qui‘  etc.
3  Die  Aenderung  des  Ausdruckes  ,decreverit‘  in  ,imperaverit‘  im  ersten  Vorbehalte ­
  lässt  gleichfalls  die  Analogie  des  römischen  Imperium  durchblicken.
Die  Summa  Coloniensis,  Schulte,  S.  111  sagt  geradezu:  ,papa  verus  imperator
  est‘.
            
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