850
T li a n e r.
Verliehen nun die Päpste Privilegien, so musste ihnen, folgerte
Gratian, nothwendig das Gesetzgebungsrecht zustelien.
An die Spitze seiner Beweisführung (Dich Grat. §. 1)
stellte er daher einen Satz, der nichts als eine Uebertragung
des cap. 1. Nov. 131. 2 auf die kirchlichen Verhältnisse ist; wie
der römische Kaiser den Canones der vier ersten allgemeinen
Concilien Gesetzeskraft verlieh, so ertheilt erst die römische
Kirche den heiligen Canones rechtswirksame Autorität.
Im §. 2 des Dictum sind die Sätze: ,Sacri siquidem canones
ita aliquid constituunt, ut interpretationis auctoritatem
sanctae Eomanae ecclesiae reservent. Ipsi namque soli canones
valent interpretari, qui ius condendi eos habent', offenbar nachgebildet
der Novelle 143. pr.: ,Legis interpretationem culmini
tantum principali competere nemini venit in dubium, quum
promulgandae quoque legis auctoritatem sibi vindicet eminentia/ 3
Die Tendenz, gesetzgebende Gewalt in der Kirche zu
erlangen, hat der apostolische Stuhl lange vor Gratian befolgt.
Gregor VII. war der energischeste Vorkämpfer dieser Richtung:
1 S. Sehlayer, die Privilegien nach den Quellen des gemeinen Rechtes, in
Linde’s Zeitschrift N. F. XII, 2. S. 63, 64 verglichen mit Dict. Grat,
cit. §. 2 i. f.: .Privilegia namque dicuntur tanquam privata legia, eo quod
privatam legem singulis generent 1 . Eine solche Yerwerthung des römischen
Rechtes darf bei Gratian um so weniger Wunder nehmen, als er nach
dem Zeugnisse des Johannes Faventinus selbst die Glossatoren der
Digesten kannte und benutzte; s. S e h u 11 e, Rechtshandschriften, Sitzungsber.
Bd. LYII. S. 591. Johannes Faventinus sagt zum Dictum Gratiani ad c. 31.
G. II. Q. 0.: ,ab observatione iudicii mei‘ hoc addidit Gratianus auctoritate
sua. Nam celera verba formam apostolorum habet a viris interpretibus in ff.
Umgekehrt hat der Verfasser des sog. 5. Buches des Petrus das Decretum
Gratiani benutzt. Durch die zuvorkommende Güte des Herrn Instituts-Mitgliedes
Leopold Delisle in Paris und des Herrn Bibliothekars
Commend. Gasp. Gorresio in Turin habe ich nämlich erfahren, dass
die beiden Handschriften der Exceptiones Petri, sowohl Ms. lat. 4709 zu
Paris als Cod. D. V. 19 zu Turin im citirten Appellations-Formulare
den Zusatz Gratian’s haben, jedoch: ad observationein mei iudicii.
S. Savigny, Geschichte II., S. 138.
2 ,Sancimus igitur, ut legum vicem obtineant sacri ecclesiastici canones,
qui‘ etc.
3 Die Aenderung des Ausdruckes ,decreverit‘ in ,imperaverit‘ im ersten Vorbehalte
lässt gleichfalls die Analogie des römischen Imperium durchblicken.
Die Summa Coloniensis, Schulte, S. 111 sagt geradezu: ,papa verus imperator
est‘.