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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

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T  li  a  n  g  r.

,Privilegia  siquidem  non  debent  sanetorum  patrum
auctoritatem  infringere.'  Die  Privilegien  haben  von  vorneherein
  nicht  die  Kraft,  die  Autorität  der  h.  Väter  zu  schwächen,
,sed  utilitati  sanctae  ecclesiae  prospicereb  Gregor  VII.  bestreitet
also  den  Privilegien  ganz  und  gar  den  rechtlichen  Charakter,
sie  dienen  nur  zu  Zwecken  der  augenblicklichen  Kirchenpolitik:
,si  necessitas  vel  utilitas  maior  exegerit,  licenter  valent  commutarib
  Ln  praktischen  Erfolge  laufen  die  Theorien  Gregor’s  VIJ.
und  Gratian’s  auf  dasselbe  hinaus,  auf  Widerruflichkeit  der
Privilegien.  Aber  ersterer  geht  zu  diesem  Ziele  vom  geraden
Gegentheile  dessen  aus,  was  Gratian  behauptet.  Nach  Gregor  VII.
dürfen  Privilegien  das  gemeine  Recht  nicht  ändern.  In  treuer
Befolgung  dieses  Grundsatzes  hätten  freilich  Privilegien  im
Sinne  von  Vorrechten  gar  nie  verliehen  werden  dürfen. 1  Da
es  nun  doch  geschehen  war,  wandelte  sie  der  Papst  zu  rein
politischen  Massregeln  um,  die  zunächst  zum  Vortheil  der  Kirche,
nicht  des  Boliehenen  erfolgen.  Der  Papst  drückt  also  die  Privilegien ­
  auf  eine  niedere  Stufe  herab,  um  ihre  Widerruflichkeit
darzuthun;  Gratian  dagegen  stellt  sie  den  Canones  gleich,  hebt
aber  dafür  die  päpstliche  Gewalt  über  die  Canones  empor.
Dem  Papste  war  eben  der  Gratian’sche  Begriff  der  päpstlichen
Gesetzgebungsgewalt  noch  unbekannt. 2

1  Gregor  VII.  tadelt  die  Berufung  des  Erzbischofs  auf  sein  verbrieftes  Sonderrecht ­
  als  eine  Ueberhebung:  ,Ne  igitur  ad  tantum  velit  culmen  vestra
fraternitas  erigi,  nt,  quae  in  causis  omninm  Romanis  pontifieibus  rata
fuerunt  et  licita  in  vestri  solius  causa  irrita  velitis  et  illicita  reddi. 1  Zum
Schlüsse  fügt  er  freilich  wieder  eine  beschwichtigende  Erklärung  hinzu:
,Nec  id  dicimus,  nt  privilegia  vestrae  ecclesiae  contra  rationein  vel  infringi
velimus  vel  imminui;  de  quibus  vita  comite  suo  tempore  ore  ad  os  otiosius
  collocuturi  sumus.  Sed  interim 1  etc.
2  Das  gleiche  gilt  von  Berthold  von  Constanz,  Mon.  res.  Alem.  illustr.
T.  II.  Hermanni  Contracti  Chronici  etc.  San.  Blas.  1792,  p.  354.  De  canonum
auctoritate,  c.  L1X.:  ,Nequaquam  ergo  aliquid  Romanus  pontifex  contra
canones  agit,  si  quando  illos  pro  consideratione  temporum  nunc  intendit,
nunc  remittit;  quum  et  ipsi  canones  tale  privilegium  indubitanter  concesserint.
 1  Indem  Berthold  vertheidigt,  dass  der  Papst  durch  Dispensationen ­
  nicht  gegen  die  Canones  handle,  huldigt  er  stillschweigend  dem  Grundsätze, ­
  dass  er  gegen  sie  nicht  handeln  dürfe.  Dieser  Anhänger  Gregor’s  VII.
räumt  dem  Papste  in  der  angeführten  Stelle  so  zu  sagen  nur  eine  negative
Thätigkeit  ein;  es  ist  ihm  gestattet,  von  den  Canones  etwas  nachzulassen
(remittere),  d.  i.  einfach  dasjenige  geschehen  zu  lassen,  was  er  in  Anbetracht
            
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