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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

Des  Beatus  Rlienanus  literarische  Thätiglceit.

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darbieten,  in  ihnen  steckt  die  reine  Lesart  verborgen,  wie  das
Gold  in  der  Schlacke.  Um  wie  viel  kostbarer  ist  aber  das  Gold
der  Autoren,  als  jenes  allgemein  so  geschätzte  Metall!  Desshalb
sollte  man  doch  einmal  für  die  Manuscripte  Sorge  tragen.  Die
Gelehrten  aber  mögen  wissen,  dass  ohne  Manuscripte  Nichts
zu  machen  sei,  denn  die  blossen  Conjecturen  täuschen  häufig.  1
In  eindringender  Weise  beschwört  er  die  Studierenden,  sich’s
nicht  an  dem  faulen  und  schläfrigen  Worte  genügen  zu  lassen  :
,Diese  Stelle  verbesserte  Hermolaus,  diese  Longolius,  diese
Beatus  Rlienanus/  Selbst  möchten  sie  forschen  in  den  verschiedenen ­
  Handschriften  und  ihren  Augen  mehr  vertrauen,  als
fremden.  2  Nicht  irre  sollen  sie  werden  durch  das  Geschrei
Jener,  die  über  die  Geringfügigkeit  jener  Arbeit  lachen,  deren
Resultat  die  Aenderung  eines  Wortes  sei,  sondern  eingedenk
sein,  dass  diese  Arbeit  nicht  bloss  sehr  schwierig,  sondern  auch
sehr  nothwendig  sei. 3  Rhenanus  kann  dabei  nicht  umhin,  nach
einigen  Seiten  hin,  Hiebe  auszutheilen.  Namentlich  den  gewöhnlichen ­
  Philologen  ist  er  nicht  hold,  jenen  ,Professoren,  die  auch
über  die  gröbsten  Fehler  in  deu  Autoren  nicht  stutzig  werden,
wenn  sie  aber  dieselben  bemerken,  sie  gewiss  verheimlichen',  1
oder  Jene,  die  ihren  Schülern  beim  Interpretiren  die  gröbsten
Lügen  vorplaudern.  Ein  so  kritischer  Geist,  wie  Rhenanus,  ist
denn  auch  seinen  Vorgängern  gegenüber  nicht  blind,  Hermolaus
Barbarus,  so  sehr  er  ihn  verehrt,  Budäus  (S.  91.  102),
wie  Longolius  (S.  92)  werden  trotz  der  wärmsten  und
begeistertsten  Lobsprüche  doch  scharf  controllirt  und  oft
corrigirt,  der  Letzte  namentlich  wegen  seines  Absehens  von
den  Handschriften.  —  Auch  sonst  verschliesst  Rhenanus  seinen
Blick  nicht,  er  tadelt  die  Gleichgültigkeit  so  vieler  deutschen
Fürsten  gegen  die  schönen  Studien,  und  deckt  bei  aller  Hochachtung ­
  der  italienischen  Meister  die  Thatsache  auf,  dass  auch
bei  ihrem  Volke  Unwissenheit  und  Barbarei  in  früheren  Jahrhunderten ­
  geherrscht.  5  Dasselbe  freie  Urtheil  arbeitet  nun
überall  bei  seiner  Texteskritik.  Freilich  seine  Emendationen

1  cf.  S.  34.
2  cf.  p.  46.
3  cf.  p.  65.
4  cf.  77  und  90.
5  73.
Sitzb.  d.  pbil.-liist.  CI.  LXXI.  Bd.  IV.  Hft.

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