Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

688

Horawitz.

stellt  er  die  Forderung  die  Conjecturen  ad  marginem  zu  setzen
oder  doch  abgetrennt  vom  Texte  anzugeben,  damit  in  den  Text
nichts  Fremdes,  nichts  Ungehöriges  hineinkomme.  Ueberhaupt
verlangt  er  von  dem  Textverbesserer  und  Texthersteller  Ruhe,
Vorsicht  und  eine  pietätvolle  Achtung  vor  dem  Vorhandenen.
Er  ist  auch  hier  im  besten  Sinne  conservativ.  Entschieden
abhold  zeigt  er  sich  dem  ingeniösen  Erfinden  von  Conjecturen,
der  Auffassung,  die  mehr  bestrebt  ist,  den  Sinn  zu  errathen,
als  die  echten  Worte  zu  finden  und  aus  dem  Schutte  der  Entstellungen ­
  herauszugraben.  Man  sieht,  das  in  der  Luft  hängende
—  aprioristische  Construiren  würden  wir  sagen  —  ,Diviniren‘
ist  ihm  in  der  Seele  verhasst;  1  die  alte  Handschrift  mit  ihren
Lücken,  Fehlern,  Flecken,  sie  ist  ihm  das  sicherste  Mittel,  zum
wahren  echten  Texte  zu  gelangen.  Er  äussert  sich  in  den
bündigsten  Ausdrücken  über  seinen  Weg  zur  Wahrheit.  Der
Sinn  scheint  ihm  nicht  hergestellt,  wenn  man  nicht  früher  die
Worte  genau  ermittelt.  Desshalb  kann  er  sich  mit  dem  Verfahren ­
  des  so  warm  verehrten  Hermolaus,  der  aus  Aristoteles,
Aelian,  Theophrast  und  anderen  Autoren  den  Sinn  zu  restituiren
unternahm,  durchaus  nicht  einverstanden  erklären.  ,Die  nackte
einfache  Emendation  —  vorausgesetzt,  dass  sie  glücklich  ist,
nützt  viel  mehr,  als  eine  ausführliche  Abhandlung,  die  auf  zahllose ­
  Zeugnisse  gestützt,  die  Sache  wenig  berührt/  Das  ist  meine
Magie  !  ruft  er  aus  und  wir  ergänzen  :  diese  Magie  war  nichts
als  der  Fleiss,  die  Vorsicht  und  die  unbeirrbare  Gewissenhaftigkeit ­
  des  Mannes.  Wol  —  mit  Recht  konnte  er  es  sagen  :
,Wenn  ich  mehr  meinem  Ruhme,  als  dem  allgemeinen  Wolde,
dienen  wollte,  wenn  ich  die  Sache  mit  Worten  herausputzen
wollte,  wer  sieht  nicht  ein,  wie  viel  Stoff  in  diesen  ,Castigationes‘
liegt/  Mit  berechtigtem  Stolz  verweilt  er  dann  auf  dem  bisher
von  ihm  Geleisteten.  2  Denn  seine  Restitutionen  beruhen  nicht
auf  zufälligen  aus  der  Luft  gegriffenen  Gedanken,  sondern  auf
dem  gründlichen  Studium  der  Handschriften.  Die  verdorbenen
Lesarten  müssen  für  die  Auffindung  der  Richtigen  den  Fingerzeig
1  Non  satis  est  sagt,  er  z  B.  (S.  78),  autem  Plinii  aut  alterius  cuiuscunque
autoris  sensum  alicunde  halraisse,  nisi  ipsa  elementa  ueterum  codicum,
apicesque  ipsos  et  liorura  singulos  propemodum  duetus  diligentissime
etiam  atque  etiam  inspicias.  (S.  78.)
2  cf.  S.  26.  33.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.