Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

Des  Beatus  Rhenanus  literarische  Thätigkeit.

657

Rhenanus  geht  in  ihr  von  der  Nützlichkeit  der  öffentlichen
Declamation  (Redeübung  oder  Vortrag)  aus,  die  gewissermassen
dem  lydischen  •  Steine  vergleichbar  sei.  Denn  so  oft  wir  vor
der  Menge  sprechen,  erfahren  wir  leicht,  ob  ein  Einfüll  glücklich, ­
  ob  die  Anordnung  kunstvoll  gerathen  sei,  aus  den  Mienen
der  Zuhörer  lässt  sich  entnehmen,  ob  man  uns  das  weisse
oder  das  schwarze  Steinchen  zuwerfen  werde.  Mit  einem  Worte,
die,  Zuhörerschaft  vermehrt  die  Sorgfalt  und  schärft  unseren
Fleiss  durch  die  Befürchtung,  wir  möchten  statt  des  Lobes
Tadel,  statt  des  Ruhmes  Schande  davontragen.  Möchte  doch
statt  der  zankreichen  Disputationen,  von  denen  nun  überall  die
Gymnasien  ertönen,  lieber  wieder  die  alte  Gewohnheit  der
Declamation  eingeführt  werden!  Eine  Spur  davon  findet  sich
noch  in  Paris,  wo  die  Theologen  an  festgesetzten  Tagen  in
der  Dominicuskirche  (apud  diui  Dominici)  Reden  halten  so
elegant,  dass  sie  aus  Athen  und  Rom  —  dessen  Absenker  zu
sein  sich  Paris  rühmt  —  diese  Sitte  übernommen  zu  haben
scheinen.  Auch  die  alten  Philosophen  schreckten  davor  nicht
zurück,  denn  was  sind  die  Bücher  des  Apulejus  anders,  als
zu  Carthago  gehaltene  Vorträge.  Und  dieser  unser  Tyrius
scheint  seine  Vorträge  nicht  so  sehr  in  fortfliessender  Rede
geschrieben,  als  vielmehr  gesprochen  zu  haben  und  zwar  nicht
vor  einer  zusammengelaufenen  Menge,  als  vielmehr  vor  Gelehrten ­
  und  Freunden.  Dass  sich  aber  der  römische  Senator
vor  Hörnern  der  griechischen  Sprache  bedient  habe,  kann  Niemandem ­
  auffallen,  jeder  Gelehrte  verstand  ja  damals  griechisch,
ein  guter  Theil  Italiens  bediente  sich  nicht  blos  der  griechischen
Sprache,  sondern  ward  sogar  Grossgriechenland  genannt.  —
In  Hinsicht  der  Vorzüge  seines  Autors  verweist  Rhenanus  auf
die  Praefation  des  Paccius  (S.  5),  ,felic.issimi  scriptoris  felicissimus
  interpres',  und  setzt  ihn  —  wie  er  sagt  —  als  der  Erste
unter  die  platonischen  Philosophen,  sowol  seines  Urfheils  als
seines  glänzenden  Stiles  wegen.  Die  höchsten  Fragen'  behandelt ­
  er  nemlich  nach  der  Sitte  der  Redner,  so  dass  er  den
Ernst  der  Philosophie  durch  eine  gewisse  poetische  Feierlichkeit ­
  mässigt  und  darauf  zur  platonischen  Philosophie,  wie  zu
einem  Orakel  flüchtet.  —  Er  ergeht  sich  dann  in  Betrachtungen
über  die  platonische  Leime  der  Gütergemeinschaft,  den  platonischen ­
  Staat  und  die  Aehnlichkeit  der  platonischen  Ethik  mit
Sitzb.  (1.  phil.-liist.  CI.  LXXI.  Bei.  III.  Hft.  42
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.