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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

Ueber  eine  griechische  Inschrift  aus  Erythrae.

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Zwar  ist  in  der  delischen  Urkunde  der  Stadtname,  der  zu
IIo'ä'josüz^c  M.  gehört,  zerstört,  aber  mit  sehr  vieler  Wahrscheinlichkeit ­
  hat  ihn  Boeckh  mit  e;j.  Mu-n.Xotva  ergänzt.  Dieser  Polydeukes
  war  also  eine  angesehene  Persönlichkeit  in  Mytilene,
da  er  zu  den  Vertretern  der  Stadt  bei  der  Bildung  der  cup.ß(<i)ai€
zählte.  Er  lebte  vor  dem  J.  167  v.  Chr.  —  in  diesem  Jahre
wurde  die  Stadt  Antissa  zerstört,  welche  in  der  delischen
Inschrift  noch  als  bestehend  genannt  ist;  viel  höher  geht  aber
die  letztere  nach  Boeckh’s  Urtheile  in  der  Zeit  auch  nicht
hinauf.  Mit  eben  dieser  Epoche  stimmt  im  Allgemeinen  der
Charakter  unserer  Inschrift  überein,  dazu  kommt  noch  die
Gleichheit  des  Dialectes  und  die  gleichen  Namen  des  obersten
Magistrates.  Daher  ist  es  sehr  wahrscheinlich,  dass  der  Polydeukes,
  des  Megon  Sohn,  in  der  delischen  Inschrift  und  jener
in  der  unserigen  dieselbe  Persönlichkeit  sind;  es  wäre  kaum
denkbar,  dass  zu  gleicher  Zeit  auf  der  Insel  zwei  ihrer  Stellung ­
  nach  hervorragende  Männer  gelebt  hätten,  die  nicht  blos
selbst,  sondern  deren  Väter  auch  gleiche  Namen  trugen.  Sehr
wahrscheinlich  ist  also  der  Polydeukes  unserer  Inschrift  oberster ­
  Strateg  in  Mytilene  und  eben  diese  Stadt  diejenige
gewesen,  welche  den  auf  der  Stele  mitgetheilten  Beschluss
fasste.
Nicht  weniger  stimmt  zur  lesbischen  Abkunft  der  Umstand, ­
  dass  die  Dionysien  wie  das  vorzügliche,  das  nationale
Hauptfest  in  der  bescliliessenden  Gemeinde  erscheinen;  gerade
in  Lesbos  stand  wie  bekannt  der  Weinbau  und  mit  ihm  der
Cult  des  Dionysos  in  grossem  Flor.
Für  die  Zeitbestimmung  ist  es  ferner  wichtig,  dass  derselbe ­
  Diodotos,  des  Kleonymos  Sohn,  gleichfalls  als  Richter,
das  eine  Mal  von  den  Tenedern,  das  andere  Mal  von  einer
ungenannten  Gemeinde  als  Richter  erbeten,  in  zwei  gleichfalls
zu  Erythrae  gefundenen  Stelen  wiederkehrt,  welche  Christ  a.
a.  0.  veröffentlichte.  Nach  dem  Urtheile  des  Letzteren  gehören
sie  jedenfalls  vor  54  v.  Chr.,  sind  aber  aus  palaeographischen
Gründen  für  weit  jünger  als  Alexander  d.  Gr.  zu  halten.  Sicher
ist  jener  Diodotos,  derselbe,  welcher  in  unserer  Inschrift  wiederkehrt, ­
  ein  in  sehr  gutem  Ruf  stehender  und  darum  vielbegehrter ­
  Richter  gewesen,  der  in  der  ersten  Hälfte  des  zweiten  Jahrhunderts ­
  vor  Chr.  gelebt  haben  mochte.
            
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