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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

■MBB

202  Frankl.
Theil  der  Handlungen  aus  dem  einen,  ein  anderer  aus  einem
anderen  Grunde  für  böse  gehalten  werden  muss.  Darum  findet
man  in  den  Schriften  der  Mütazila  nie,  dass  sie  das  Böse  zerlegt ­
  hätten,  wiewohl  sie  verschiedene  Formen  aufzählen,  unter
denen  es  auftritt.  Gewalt,  Lüge,  Undank  sind  böse,  weil  sie
eben  Gewalt,  Lüge  und  Undank  sind.  Ebenso  ist  es  böse,
wenn  der  Mensch  seiner  eigenen,  oder  wenn  Gott  des  Menschen ­
  Bestimmung  entgegenarbeitet,  weil  dadurch  die  Erreichung ­
  des  Zieles  gehindert  wird.  Was  schlechthin  nutz-  und
zwecklos  ist,  ist  bös  wegen  seiner  Nutz-  und  Zwecklosigkeit.
Dasselbe  gilt  von  der  Unwissenheit,  dem  bösen  Willen  und
der  Verabscheuung  des  Guten.  Gebot  und  Verbot  entsprechen
darin  dem  Willen  und  dem  Abscheu.  Ins  Einzelne  haben  wir
alles  dies  ausgeführt  in  einer  Schrift  an  (über?)  Abu-Gälib  —
Gott  stütze  seine  Hand.  —  Dort  haben  wir  viele  Beweise  dafür ­
  angeführt,  dass  das  Gute  nur  geübt  wird,  weil  es  gut
ist  und  dass  in  diesem  Umstande  allein  die  Triebkraft  für
uns  liege/  *)
Nun  beginnt  die  eigentliche  Auseinandersetzung  mit  den
Gegnern,  die  wir  ja  schon  kennen  gelernt  haben.  Zuerst  werden ­
  die  Gabariten  bekämpft;  denn  ihr  Irrthum  war  der  gefährlichere. ­
  Sie  hatten  behauptet,  der  Verstand  erkenne  Nichts  für
böse  an.  Die  Unterscheidung  des  Guten  vom  Bösen  sei  erst
dem  Offenbarungsquell  entsprungen.  Für  Gott,  der  höher  steht,
als  die  Offenbarung,  hielten  sie  aus  diesem  Grunde  die  Gewalt ­
  für  zulässig.  Die  nothwendigste  Consequenz  wäre  für  sie
gewesen,  zuzugeben,  dass  für  Gott  auch  die  Lüge  zulässig  sei,
weil  ja  die  Bosheit  der  Lüge  ebenso,  wie  die  der  Gewalt,  erst
aus  dem  geoffenbarten  Verbote  sich  ergab.  Allein  das  durften
sie  nicht,  wenn  sie  nicht  die  Richtigkeit  der  Offenbarung  in
Frage  stellen  und  somit  aus  dem  Kreise  der  Muslimen  scheiden ­
  wollten.  Sie  halfen  sich  daher  mit  Ausflüchten.  Nur  Wenige ­
  hatten  den  Muth,  offen  die  Consequenz  ihrer  Theorie  zu
ziehen.  Interessant  ist,  was  unser  Autor  darüber  sagt:
,Wisse,  dass  es  eine  Secte  gibt,  Namens  Gabarija,  die  da
sagt,  nur  die  Lüge  sei  für  Gott  unzulässig.  Sie  befolgen  verschiedene ­
  Methoden.  Sie  halten  nämlich  wohl  für  möglich,  dass

i  Vgl.  Note  VII.
            
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