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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 71. Band, (Jahrgang 1872)

Ein  mutazilitischer  Kaläm.

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Sie  sagen  zu  uns:  ,1hr  habt  blos  das  Wort  gewechselt;  aber
Eurer  Rede  Sinn  ist  derselbe  wie  der  der  ihrigen;  denn  sie
sprechen  ja  gerade  in  derselben  Weise  von  Sifa,  wie  Ihr  vom
IIäl.‘  Die  Sache  verhält  sich  aber  ganz  anders,  als  wie  diese
Leute  glauben;  denn  wisse:  zuerst  wird  der  Gedanke  erfasst,
erst  hernach  wird  der  Ausdruck  dazu  gegossen.  Oftmals  gelingt
es  da  nicht,  •  den  Ausdruck  dem  Gedanken  knapp  anzupassen.
Man  nimmt  dann  nothgedrungen  einen  weitern  Ausdruck  und
schiesst  leicht  über  das  gewünschte  Ziel  hinaus.  Unsere  Gegner ­
  hätten  darum  tiefer  in  den  Sinn  unseres  Ausdruckes  eindringen
  müssen,  und  nicht  beim  oberflächlichen  Scheine  stehen
bleiben  dürfen,  um  darnach  unsere  Ansicht  zu  widerlegen.  Sie
fragen  nämlich:  ,Ist  der  Zustand  Gottes  als  des  Allwissenden
—  Gott  selbst,  oder  ein  Anderer  —  als  Er?  Ist  der  Zustand
Gottes  als  des  Allmächtigen  derselbe,  wie  der  als  des  Allwissenden ­
  ?'  Es  wird  dann  mit  uns  ebenso  verfahren,  wie  wir
mit  der  Kiläbija  verfahren  sind.  Aber  dabei  haben  sie  blos
den  Ausdruck  auf  die  Waagschale  gelegt.  Es  besteht  aber
zwischen  uns  und  der  Kiläbija  der  Unterschied,  dass  der  deutliche ­
  und  offenkundige  Sinn  des  Ausdrucks  ,Sifa',  das  sie  Gott
beilegten,  nothwenflig  auf  die  Annahme  eines  Erkennbaren
und  Unterscheidbaren  führt,  da  sie  Gottes  ,ein  Wissender  sein'
auf  eine  Ursache  zurückführen  und  uns,  ihren  Gegnern  entgegenhalten, ­
  dass  wir  im  Rechte  wären  (die  Ursachen  zu  leugnen), ­
  wenn  es  möglich  wäre,  dass  Gott  olme  ,Wissen'  ein
Wissender  sein  könnte;  dies  aber  sei  unbegreiflich.  Hier  aber
muss  der  Unterschied  zwischen  uns  und  Gott  geltend  gemacht
werden.  Bei  uns  Menschen  mussten  wir  ein  ,Wissen'  als  Ursache ­
  unseres  Wissens  voraussetzen,  weil  wir  auch  aufhören
können,  Wissende  zu  sein,  und  weil  unser  Prädicat,  als  etwas
in  der  Endlichkeit  Entstandenes,  einer  Ursache  seines  Entstehens ­
  bedarf;  während  Gott  als  ein  von  Ewigkeit  her  Wissender ­
  natürlich  auch  ohne  Ursache  es  sein  muss.  W  enn  sie  (sc.
die  Kiläbija)  nun  einerseits  behaupten,  Gottes  ,Wissen'  sei
weder  Gott  selbst,  noch  etwas  ausser  ihm  Bestehendes;  andrerseits ­
  aber  dasselbe  als  Ursache  seines  ,ein  W  issender  sein 1  annehmen, ­
  so  befinden  sie  sich  im  Widerspruche  mit  sich  selbst,
weil  sie  einem  imd  demselben  W  orte  verschiedene  Begriffe
unterlegen.  Wir  aber  reden  von  ,Zuständen'  in  ganz  anderem
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