282 Zimmermann. Ueber Trendelenburg’s Einwürfe gegen Herbart’s praktische Ideen.
fallen an der Störung, da es erst nach geschehener That im
Zuschauer sich einstellen kann, ist nicht in der Lage, jene selbst
zu verhindern; aber es ruft das Bedürfniss der Vergeltung und
dadurch das Eintreten einer neuen That hervor, welche die
Folgen der ersten neutralisirt. Der Vorwurf, dass durch die
Wiederherstellung des status quo ante die vis inertiae zum
Princip der Moral gemacht werde, wäre schon darum ungerecht,
weil die Idee der Billigkeit zwar ein, aber nicht das Princip
der Moral nach Herhart ist. Er ist es aber auch noch in dem
weiteren Sinne, dass die Idee der Billigkeit keineswegs den
bestehen den Zustand'erhalten, sondern vielmehr einen nicht
bestehenden erzeugen will. Denn der bestehende Zustand ist
der, welchen die That erzeugt hat, und an dessen Stelle durch
die Vergeltung eben ein anderer treten soll.
Die ästhetische Haltung ist hier so wenig wie bei der
vorhergehenden Idee verlassen; sie wird hier wie dort vom Gegner
an einer andern Stelle gesucht, als wo sie wirklich liegt.
Es ist schwer verständlich, wie Trendelenburg, der selbst auf
Adam Smith und dessen ,unparteiischen Zuschauer' als einen Vorgänger
und historischen Anknüpfungspunkt der Ethik Herbart’s
verweist, diesen, in dessen Augen doch Beifall und Missfallen
allein seinen Sitz haben kann, immer wieder bei Seite setzt.
Die ästhetische Haltung der Herbart’schen Ethik besteht eben
darin, das ethisch Werthvolle und Werthlose ebenso wie das
ästhetisch Beifällige und Missfällige an dem willenlosen Urtheil
des unbefangenen Subjects zu messen, durch welches der
eigentliche Inhalt der Aesthetik, das Schöne, ,sowol überhaupt,
als jener der Aesthetik des Willens, der Ethik (oder praktischen
Philosophie), das specihsche Willensschöne oder das Gute
gewonnen wird. Dass Herbart dieser in keiner einzigen seiner
praktischen Ideen untreu geworden sei, wünschten vorstehende
Betrachtungen ausser Zweifel gesetzt zu haben.