Ueber Trendelentourg's Einwürfe gegen Herbart’s praktische Ideen.
269
Begriff und Zweck zu bezeichnen, die als solche verschiedene
Grade besitzen können. In diesem Sinn hat auch Hartenstein,
auf den Trendelenburg sich beruft, sich des Wortes
bedient und darum die Idee der Vollkommenheit in Herbart’s
Bedeutung sammt der von ihr abgeleiteten der Cultur aus der
Reihe der praktischen Ideen bekanntlich gestrichen. Der Begriff,
welchen Herbart mit dem Worte verbindet, geht wohl
am deutlichsten aus der Stelle (A. a. 0. VIII. 38.) hervor: ,Voll,
heisst es, wird jedes endliche Mass von dem, was seiner
Grösse gleich kommt/ Von den zwei mit einander verglichenen
Quantis, die beide endliche sind, ist die eine das Mass
der andern. Erreicht nun das kleinere die Grösse des grösseren,
so kommt es seinem Masse au Grösse gleich, macht sein
Mass voll, wird vollkommen. Es findet daher wohl Angemessenheit
statt, aber nicht qualitative an den Begriff, sondern
quantitative an das Mass. Aber nicht diese gefällt: vielmehr
sobald das Mass erfüllt ist, hört die Vergleichung auf. Das
grössere aber, das an dem kleineren sein Mass hat, hat dieses
nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen, ist vollkommen
und mehr als dieses. Das grössere Quantum zeigt einen Ueber-.schuss,
das kleinere einen Rest mit seinem Masse verglichen.
Jenes ist mehr als vollkommen, dieses unvollkommen. Das
Vollkommene dagegen, d. h. das sein Mass Erfüllende, gefällt
nicht und missfällt nicht, ist ästhetisch indifferent.
Vollkommenheit ist daher der jeweilige Grad, in welchem
ein Quantum sein Mass erfüllt; so dass die Erfüllung desselben
das ästhetisch gleichgültige Mittel, das Mehr die Beifälligkeit,
das Minder die Missfälligkeit bezeichnet. Der Name der Idee
der Vollkommenheit ist daher nicht eben glücklich gewählt,
weil er zu dem Irrthum verleitet, dass diese als solche wohlgefällig
sei, während das eigentlich Wohlgefällige ein Mehr, das
Missfällige ein Minder als Vollkommenheit ist, mit dieser
selbst verglichen.
Festzuhalten ist dabei, dass nur von Quantis die Rede
sein kann, deren eines das Mass für das andere bietet. Wenn
das Grössere nicht an dem Kleineren sein Mass fände, sondern
blos Mass für dieses wäre, so wäre zwar ein Grund vorhanden,
wesshalb das Kleinere miss-, nicht aber warum das Grössere
gefiele. Erreicht das Kleinere das Grössere, d. h. wird es