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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 70. Band, (Jahrgang 1872)

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H  o  r  a  w  i  t  v..

dem  grossen  Gelehrten,  er  fürchtete  sich  durch  offenes  Eintreten ­
  für  die  reformatorischen  Forderungen  bei  seinen  vornehmen ­
  Gönnern  zu  compromittiren.  Aber  auch  in  der  Art,
wie  man  reformiren  wollte,  lag  für  Erasmus  ausgleichende  antirevolutionäre
  Sinnesart  Abstossendes  genug.  Kurz,  er  erklärte
sich  zur  Freude  der  ,Dunkelmänner,'  denen  er  aber  selbst
nicht  genügte 1  und  die  ihn  als  den  eigentlichen  Vater  der
Bewegung  betrachteten,  gegen  die  Reformation  ausserhalb
der  Kirche.  Den  Handel  des  Glaubens  ,schreibt  Butzer'  (1524)
sieht  er  es  als  geringfügig  an  und  als  nicht  zur  wahren  Sache
gehörig.  Wir  beklagen  es  unter  uns,  dass  der  gelehrte  Mann
in  so  verkehrtem  Sinn  dahin  gegeben,  zumal,  da  wir  täglich
erfahren  müssen,  wie  er  die  Herzen  so  gar  Mancher  von  dem
freien  und  reinen  Bekenntniss  Gottes  und  Christi  abwendig
macht. 2  Erasmus  aber  hinwiederum  sah  in  dem  ,einseitigen
Hervorkehren  des  sittlich  religiösen  Elementes,  in  der  immer
grösseren  Bedeutung,  welche  die  deutsche  Sprache  erhielt,
das  Verderben  der  ruhig  fortschreitenden  humanistischen  Bildung, ­
  in  diesem  Sinne  eiferte  er  auch  gegen  die  Strassburger
Reformatoren,  mit  deren  Haupte,  Butzer,  er  1530  in  jene  literarische ­
  Fehde  gerieth,  die  nicht  zum  Ruhme  des  berühmten
Philologen  endete. 3
Wie  verhielt  sich  bei  alle  dem  —  fragen  wir  uns
nun  —  Rhenanus  ?  Oben  schon  deutete  ich  an,  dass  er  sich
durch  Erasmus  Vorgang  und  Einfluss  leiten  liess,  eine  Behauptung, ­
  die  bis  ins  Einzelne  bewiesen  werden  kann.  Auch
Rhenanus  brachte  Blitzern  gegenüber  dieselben  Einwendungen
gegen  die  religiöse  Bewegung  vor,  die  Erasmus  äusserte.  Die
Alles  popularisirenden,  auf  die  Massen  wirkenden,  und  desshalb
der  deutschen  Sprache  sich  bedienenden  Prediger  klagte  er  des
,Hasses  gegen  die  guten  Künste  und  Wissenschaften'  an.  Grund
dazu  gab  ihm  eine  Aeusserung  des  Butzer,  der  das  Latein  dem
Hebräischen  und  Griechischen  weit  nachsetzte,  und  das  erstere
die  Sprache  nannte,  welche  Rom  zum  Werkzeuge  gedient,  zu-1
  Auch  tadelt  ihn  Zasins,  dass  er  nicht  die  Kraft  seines  Glaubens  und
Geistes  gegen  die  Ketzer  einsetze.
2  Butzer  an  Nesen.  Nach  einem  Züricher  Ms  von  Baum  a.  a.  0.  257
mitgetheilt
3  Baum  a.  a.  O.  464  ff.
            
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