Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 6. Band, (Jahrgang 1851)

a  gleichweit  abstehende  Puncte  ß  und  y  der  Seiten  ab  und  ac
durch  eine  Gerade,  so  ist  das  ursprünglich  gleichseitige  Dreieck
abc  gewiss  kein  Theil  des  neu  entstandenen  aßy  und  doch  kann
der  Begriff  eines  ungleichseitigen  Dreieckes  vollständig  aufgefasst
werden,  sobald  ich  den  Begriff  des  gleichseitigen  Dreieckes
kenne  und  mit  der  Negation  verbinde.  Nehmen  wir  aber  das  Zweite
an  und  verstehen  unter  Dingen,  die  etwas  mit  einander  (dem  Stoffe
nach)  gemein  haben,  solche,  die  gewisse  Beschaffenheiten  gemein,
d.  i.  die  gewisse  gleiche  Eigenschaften  haben,  so  hat  Spinoza’s
Satz  den  Sinn,  dass  die  Erkenntniss  des  Einen  die  Erkenntniss
wenigstens  jener  Beschaffenheiten  des  Andern  involvire,  die  es
selbst  auch  besitzt,  und  dass  also  von  Dingen,  die  gar  keine  gleichen ­
  Eigenschaften  besitzen,  auch  die  Erkenntniss  des  Einen  gar
nichts  von  der  Erkenntniss  des  Andern  einschliessen  könne.
Diese  letztere  Auslegung  greift  schon  tief  in  das  Gebiet  der
logischen  Irrthümer  hinein,  deren  Aufdeckung  wir  uns  eben  hier
zum  Zwecke  gesetzt  haben.  Denn  sie  geht  von  der  Annahme  aus,
dass  die  vollständige  Erkenntniss  eines  Dinges  die  Erkenntniss
seiner  sämmtlichen  Beschaffenheiten  sei,  und  dann  wäre  es  allerdings ­
  richtig,  dass,  wenn  zwei  Dinge  gar  keine  gleichen  Beschaffenheiten ­
  haben,  die  Erkenntniss  der  Beschaffenheiten  des  Einen
auch  gar  nichts  von  den  Beschaffenheiten  des  Andern,  also  auch
nicht  einmal  eine  theilvveise  Erkenntniss  des  Andern  enthalten
könne.  Allein  dann  muss  erwiedert  werden,  dass  es  Dinge,  welche
gar  keine  gleichen  Beschaffenheiten  hätten,  gar  nicht  gebe,  dass
sie  schlechthin  unmöglich  seien.  Denn  je  zwei  Dinge,  so  verschiedenartig ­
  sie  sonst  auch  sein  mögen,  haben  wenigstens  diese  Beschaffenheit ­
  miteinander  gemein,  dass  sie  Dinge  sind.  Das  Axiom
schwebt  sodann  in  der  leeren  Luft.
Bisher  haben  wir  den  Ausdruck  „Gemein  haben”  auf  die  Dinge
bezogen;  beziehen  wir  ihn  jetzt  auf  ihre  Begriffe.  Spinoza’s  Axiom
lautet  dann,  dass  Dinge,  deren  Begriffe  nichts  miteinander  gemein
haben,  nicht  durch  einander  begriffen  werden  können,  und  dies  kann
selbst  wieder  einen  doppelten  Sinn  haben.  Entweder  versteht
Spinoza  unter  dem  Begriff  des  Dinges  den  Inbegriff  der  sämmtlichen
Beschaffenheiten  des  Dinges,  und  dann  muss  ihm  entgegnet  werden,
so  wenig  es  Dinge  gebe,  die  gar  keine  gleichen  Beschaffenheiten
hätten,  so  wenig  kann  es  dann  consequenter  Weise  Begriffe  von
30*
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.