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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 6. Band, (Jahrgang 1851)

Der  Fall  Polens  ist  an  sich  unil  durch  seine  Folgen  eines
der  vorzüglich  hervorragenden  Ereignisse  der  Weltgeschichte.
Dieser  Fall  ist  nicht  plötzlich  eingetrelen,  sondern  durch  zwei
Jahrhunderte  hindurch  langsam  und  in  zunehmender  Stärke  herangekommen.
  Polen  hat  im  Mittelalter  ein  glänzendes  Zeitalter
erlebt,  unter  den  grossen  Königen  Casimir  I.  und  Ludwig  von
Ungern,  und  dann  unter  den  Jagellonen.  Auch  im  sechzehnten
Jahrhunderte  ist  es  noch  ein  mächtiges  und  blühendes  Reich,
ausgebreitet,  angesehen  und  gefürchtet;  die  Geistesbildung  nimmt
einen  hohen  Aufschwung,  und  in  Poesie,  Geschichtschreibung
und  Wissenschaften  behauptet  es  unter  den  Völkern  Europa’s
eine  sehr  ehrenvolle  Stelle.  Aber  mit  dem  Abgänge  der  Jagellonischen
  Herrscher  endet  diese  Zeit  des  Glanzes  und  der  Macht;
es  folgten  zwei  Jahrhunderte  des  Siechthums,  der  welkenden
Kraft,  der  zunehmenden  Auflösung,  deren  Schluss  bei  den  damaligen ­
  Verhältnissen  Europa’s  das  Hinscheiden  sein  musste.  Unter
der  Dynastie  der  Wasa  sinkt  das  Reich  zusehends;  die  Folgen
erscheinen  in  der  unglücklichen  Regierung  Michael  Wisniowiecki’s.
  Ein  lichtvoller  Zeitraum  tritt  dann  noch  ein  durch  den
heldenmüthigen  König  Johann  Sobieski;  allein  schon  in  der
späteren  Zeit  seiner  Regierung  nimmt  das  Sinken  wieder  zu,
und  von  da  an  wächst  der  Verfall  unaufhörlich  und  unaufhaltsam, ­
  bis  zum  Untergang.  Die  innere  Zerrüttung,  welche  schon
um  die  Mitte  des  sicbenzehnten  Jahrhunderts  vorhanden  war,
erscheint  sehr  augenfällig  in  den  Ereignissen  der  Thronentsagung ­
  des  letzten  Wasa,  Johann  Casimir,  in  den  darauf  bezüglichen ­
  vorausgehenden  Begebenheiten,  und  in  der  Wahl  seines
Nachfolgers:  diese  ist  ein  vollständiges  Vorbild  der  Königswahlen ­
  im  achtzehnten  Jahrhunderte,  welche  vorzüglich  Polens
Fall  herbeigeführt  haben;  die  Ereignisse  sind  höchst  interessant
und  belehrend,  als  Gemälde  wüster  Parteibestrebungen,  selbstsüchtiger ­
  Einwirkungen  der  Fremden,  sittlicher  Schlechtigkeit;
besonders  aber  die  ränkevolle  und  treulose  Politik  Frankreichs
zeigt  auch  hier  die  ganze  Grösse  und  Stärke,  womit  sie  im
siebenzehnten  Jahrhunderte  Europa  untergraben  und  zerrüttet
bat,  so  wie  den  tief  eingreifenden  Einfluss,  den  sie  schon  damals ­
  auch  im  fernen  Nordosten  gewonnen.  Die  freiwillige  Abdankung ­
  des  Königs  Johann  Casimir,  welche  mit  den  ausdrückli-
            
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