Der Fall Polens ist an sich unil durch seine Folgen eines
der vorzüglich hervorragenden Ereignisse der Weltgeschichte.
Dieser Fall ist nicht plötzlich eingetrelen, sondern durch zwei
Jahrhunderte hindurch langsam und in zunehmender Stärke herangekommen.
Polen hat im Mittelalter ein glänzendes Zeitalter
erlebt, unter den grossen Königen Casimir I. und Ludwig von
Ungern, und dann unter den Jagellonen. Auch im sechzehnten
Jahrhunderte ist es noch ein mächtiges und blühendes Reich,
ausgebreitet, angesehen und gefürchtet; die Geistesbildung nimmt
einen hohen Aufschwung, und in Poesie, Geschichtschreibung
und Wissenschaften behauptet es unter den Völkern Europa’s
eine sehr ehrenvolle Stelle. Aber mit dem Abgänge der Jagellonischen
Herrscher endet diese Zeit des Glanzes und der Macht;
es folgten zwei Jahrhunderte des Siechthums, der welkenden
Kraft, der zunehmenden Auflösung, deren Schluss bei den damaligen
Verhältnissen Europa’s das Hinscheiden sein musste. Unter
der Dynastie der Wasa sinkt das Reich zusehends; die Folgen
erscheinen in der unglücklichen Regierung Michael Wisniowiecki’s.
Ein lichtvoller Zeitraum tritt dann noch ein durch den
heldenmüthigen König Johann Sobieski; allein schon in der
späteren Zeit seiner Regierung nimmt das Sinken wieder zu,
und von da an wächst der Verfall unaufhörlich und unaufhaltsam,
bis zum Untergang. Die innere Zerrüttung, welche schon
um die Mitte des sicbenzehnten Jahrhunderts vorhanden war,
erscheint sehr augenfällig in den Ereignissen der Thronentsagung
des letzten Wasa, Johann Casimir, in den darauf bezüglichen
vorausgehenden Begebenheiten, und in der Wahl seines
Nachfolgers: diese ist ein vollständiges Vorbild der Königswahlen
im achtzehnten Jahrhunderte, welche vorzüglich Polens
Fall herbeigeführt haben; die Ereignisse sind höchst interessant
und belehrend, als Gemälde wüster Parteibestrebungen, selbstsüchtiger
Einwirkungen der Fremden, sittlicher Schlechtigkeit;
besonders aber die ränkevolle und treulose Politik Frankreichs
zeigt auch hier die ganze Grösse und Stärke, womit sie im
siebenzehnten Jahrhunderte Europa untergraben und zerrüttet
bat, so wie den tief eingreifenden Einfluss, den sie schon damals
auch im fernen Nordosten gewonnen. Die freiwillige Abdankung
des Königs Johann Casimir, welche mit den ausdrückli-