335
Sicherheit manche Orilensmänner jener Klöster mit sich nach
Oesterreich nahmen, um auch da eine Umstaltung und Verbesserung
der geistlichen Institute vorzunehmen *), oder dass sic doch
wenigstens mit ihnen in einen engeren Verband und lebhaften
Verkehr traten 2 ).
Es stehen also meiner vom historischen Gesichtspuncte aus
oben aufgestellten Vermuthung, dass auch die Kaiserchronik von
Oesterreich aus sich dahin und weiter den Rhein hinab verbreitet
haben könne, nicht unwichtige Beispiele und Thatsachen zur Seite.
Wenn auch Dr. Weissmann dies in Bezug auf das Alexanderlied
dadurch in Abrede stellt, dass er an nicht wenigen Stellen des
Voraper Textes nur eine höchst ungeschickte Verstümmelung und
Zusammenziehung des Strassburg-Molsheimischen sehen will 3 ), so
kann dies wohl nicht in Betracht gezogen werden , da er für
seine Behauptung die Beweise schuldig bleibt. Die nähere Bekanntschaft
mit dem Verhältnisse, in welchem die älteren deutschen
Dichtungen gewöhnlich zu einander stehen, hätte ihm zeigen
müssen, dass fast ohne Ausnahme die kürzeren Texte auch
die älteren seien 4 ) und dass die Phantasie der ersten Dichter
nieistentheils nicht Zeit fand, sich in vielem Beiwerk zu ergehen,
sondern unmittelbar auf die Thatsachen selbst lossteuernd diese
in wenigen aber kräftigen Zügen einfach und anschaulich darstellte.
Dies ist namentlich im alten Alexanderliede der Fall; man
vergleiche unparteiisch die ersten zweihundert Verse beider und
gewöhne sich an die dem 12. Jahrh. eigenthümliche Orthographie
des ältern, so wird man sich bald von der Wahrheit des Gesagten
überzeugen und wie Wakernagel 5 ) meiner Ansicht beistimmen 6 ).
*) Vgl. Einleit, zu den deutschen Gedichten d. 11. und 13. Jh. S. XVIII.
*) Vgl. Stenzei. am angef. Orte. S. 497.
3 ) Vgl. Wei esmann’s Ausgabe des Alexanderliedes. Frankfurt, 1850. 1, XXI.
*) Zum Beispiel Heinrich’s Litanei in der Lambrechter und Strassburg-Molsheimer
Hs. bei Massmann Gedichte 1, 43. ; das Leben Jesu in der Vorauer und Görlitzer
Hs.Fundgr. 1, 127.; die Wiener Hs. der Genesis und eines Theiles des
Exodus und jene aus Millstatt; die ältere und jüngere Judith in den Gedichten
des 11. u. 12. Jh.; die Schöpfung und das Angengi in Hahn’s Ausgabe der
Gedichte des 12. a. 13. Jh.; die Kaiserchronik in ihrer ältesten Gestalt und
deren Umarbeitungen ; die Dichtungen vom jüngsten Gericht und dessen
Vorzeichen.
b ) W. Wackernagel’s Geschichte der deutschen Literatur. S. 163.
ö ) Deutsche Gedichte des 11. u. 12. Jh. S XLU.
Sitzb. d. phil. hist. CI. VI. Bd. IV. Hft. 22