72
H a n p t.
Meine Arbeit wird sich dem gemäss in drei Abschnitte
theilen; in dom ersten will ich von der Composition des Buches
und seinem Verhältniss zu den Vitae patrum handeln, in
dem zweiten die Selbstbekenntnisse des Dichters erwägen, die in
den Vorreden und Nachreden seiner Werke zerstreut sind,
und im dritten zum ersten Male die Iiss. zusammenstellen, in
denen uns sein Werk zum grösseren oder geringeren Theil
überliefert ist.
Ich benütze eine Abschrift der Leipziger Hs., die aus
dem Nachlasse J. Dieme rs in den Besitz der k. k. Hofbibliothek
übergegangen ist und daselbst als Hs. Suppl. 2766—2769
aufbewahrt wird. Diese Abschrift wurde von dem verdienten
Entdecker der Vorauer Hs. äusserst sorgfältig auf eingerahmten
Seiten zu 21 und 26 Zeilen in 4“ gefertigt, er hat die Spalten der
Leipziger Vorlage mit a b c d bezeichnet, die Verse eines
jeden Blattes von i—x gezählt, so dass durch diese Angaben
jeder Zeit die treffende Stelle in der Vorlage kann gefunden
werden. Auf diese Zeichen und Zahlen gehen also die in den
folgenden Mittheilungen.
I.
Das Buch der Väter und die Vitae Patrum.
1. Ich habe schon bemerkt, dass sich die Vitae patrum
und das Buch der Väter nicht so vollkommen decken, als
man bisher geglaubt hat; der md. Dichter hat vielmehr den
lateinischen Text nur als Stoff angesehen, den er ganz frei
behandelt. Er übersetzt nicht, wie man eben im Mittelalter
übersetzt hat, sondern er sucht aus den gegebenen Erzählungen
in sich abgeschlossene ,Maeren‘' zu bilden. Diese Kühnheit,
die in jener Zeit sogar unter den weltlichen Dichtern nur
Wolfram von Eschenbach besessen hat, ist vollends unter
den geistlichen gegenüber einem geistlichen Buche unerhört,
sie verdient schon deshalb ausführlich nachgewiesen zu werden.
Der Dichter eröffnet sein Werk mit einer Vorrede: 1
Adonay des gewaldes got Des grozer crefte gebot
Die gescheffede liez werden Beide himels vn der erden
1 Die Stellen aus der Hs. gebe ich liier lind überall, wie ich sie finde:
ich interpungire blos und stelle Längezeichen, wohin sie gehören.