Zwei Briefe Herbart's.
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Sie lesen hier Betrachtungen eines sechszigjährigen Mannes,
der einige Milhe hat, von seinen früheren Sorgen zu scheiden,
der es aber doch nicht bereut, solche Sorgen gehabt zu haben,
die freilieh von den gewöhnlichen Lebensverhältnissen ablenken.
Wer etwas wagt, muss sich gefallen lassen, Einiges zu verlieren.
Wer nichts wagt, hat es sich am Ende zuzuschreiben,
wenn ihm nichts bleibt als die Erinnerung an ein verlebtes Leben.
Alles dies wollen wir bei Seite setzen, sobald es Ihnen
gefällt, Sich mir über die jetzigen Angelegenheiten der Rechtsphilosophie
weiter mitzutheilen. Vermuthlicli wird Hugo Grotius
dabei zur Sprache kommen, den Sie in meiner neuen Schrift
dem Spinoza gegenüber erblicken werden; — nicht aber blos
diesem, sondern auch dem neueren Naturrechte gegenüber,
welches eine andere Gestalt würde erlangt haben, wenn man
im guten Geiste des Grotius fortgearbeitet hätte. Mir ist bei
einigen freilich unvollständigen Vergleichungen dessen, was er
selbst sagt, mit den Relationen dessen, was Andere von ihm
angaben, ein Verdacht aufgestiegen, als hätte man nur seine
prolegomena gelesen, und die dortige Anknüpfung an einige
bekannte Stellen des Cicero für seine wahre Grundlegung gehalten.
Jedenfalls hätten Kant und Schleiermacher den Grotius
lesen-sollen; von Lichte will ich nicht sprechen, dessen Talent
bekanntlich nicht das war, recht zu lesen, was Andere geschrieben
hatten. Nicht Er, aber wohl Jene hätten von Grotius
lernen können. Am lesbarsten für mich war freilich das Capitel
de poenis, worin ich fand, dass mein Cäpitel vom Lohnsystem
nur wiederholt, was ein Anderer und Grösserer schon gesagt hatte.
(gez.) H e r b a r t.
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