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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 69. Band, (Jahrgang 1871)

112

Haupt.

Damit  sind  die  Fälle,  wo  beide  Werke  stückweise  in  den
Hss.  sich  nebeneinander  finden,  wohl  kaum  erschöpft,  die  angeführten ­
  genügen  aber  vollkommen,  um  wenigstens  den  einen
der  Mitbewerber  unseres  Dichters  zu  erkennen.  1  Es  ist  kein
Zweifel,  dass  das  Buch  der  Märterer  bei  weitem  grösseren
Beifall  bei  den  Zeitgenossen  gefunden  hat,  als  das  Passional,
das  lässt  sich  erklären.  An  Geist  und  Wissen,  an  Sprache
und  Kunst  steht  der  Verfasser  des  Buches  der  Märterer
tief  unter  dem  des  P  a  s  s  i  o  n  a  1  s,  er  ist  eigentlich  ein  stumpfsinniger ­
  schwäbischer  Reimer,  der  seine  lateinische  Vorlage,
des  Jacobus  a  Voragine  Legenda  aurea,  schwerfällig  genug
in’s  deutsche  zu  übersetzen  trachtete.  Schon  der  Titel  seines
Buches  ist  nur  eine  untreffende  Uebersetzung  und  Verwendung
des  lateinischen  Martyrologium,  denn  er  hat  auch  Heilige,  und
zwar  in  grosser  Zahl,  behandelt,,  die  keine  Märtyrer  waren,
sondern  nur  Busser  oder  Einsiedler,  Bischöfe  und  Kirchenlehrer. ­
  Wie  wenig  er  bewandert  war  in  der  Geschichte  der
Heiligen,  sieht  man  auch  daraus,  dass  er  zum  16.  April,
an  welchem  Tage  der  h.  Eustachius  von  Ferentino  gefeiert
wird,  die  Geschichte  vom  Eustachius  oder  Placidus  dem
Feldherren  Trajans  erzählt,  dessen  Tag  der  20.  Sept.  nach
der  kirchlichen  Ordnung  eigentlich  ist.  Von  seinen  vielfachen
Irrthümern  gegenüber  seinem  lateinischen  Texte  ist  hier  nicht
der  Ort,  Proben  zu  geben.  Das  Buch  der  M  ä  r  t  e  r  e  r  fällt
in  die  erste  Hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts,  da  die  Kloster-Neuburger
  Hs.  ,Anno  Domini  MCCCL  in  vigilia  exaltacionis
sancte  crucis  ceptus  est  iste  über,'  wie  es  in  der  Schlussschrift
ausdrücklich  bezeugt  wird,  ,et  in  vigilia  pasce  anni  subsequentis
finitus  cum  adiutorio  omnipotentis  per  me  Hartmanum  de  Krasna
tune  temporis  ecclesie  niwenburgensis  custodem/
Einige  Jahre  früher,  als  diese  Abschrift  gefertigt  wurde,
muss  das  Werk  gedichtet  sein,  und  somit  war  es  dem  Passional
gleichzeitig  in  Angriff  genommen,  von  dem  so  wenig  als  von
dem  Buche  der  Väter  auch  nur  eine  einzige  Hs.  bis  jetzt

1  Ich  behalte  mir  vor,  auf  (las  Buch  der  Märterer  demnächst  zurück
zu  kqmmen,  alle  Legenden  daraus,  so  viel  ich  deren  habhaft  werden
konnte,  nachzuweisen  und  einige  zertrümmerte  Hss.  bekannt  zn  machen.
Ich  kenne  deren  bisher  vier,  alle  auf  Pergament,  so  dass  recht  deutlich
die  weite  Verbreitung  des  Werkes  in  die  Augen  springt.
            
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