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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 69. Band, (Jahrgang 1871)

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Haupt.

ein  klares,  durchsichtiges  Werk  zu  bilden.  Dass  er  dergleichen
beabsichtigt  hat,  sieht  man  deutlich  an  seinem  h.  Antonius,
den  er  offenbar  als  den  Stifter  und  Erzvater  des  Lebens  in
der  Thebaide  auch  als  Musterbild  jeder  eremitischen  und
geistlichen  Tugend  darstellen  wollte.
Wir  wissen  bereits  aus  dem  Passional,  mit  welcher
Meisterschaft  der  Dichter  zu  erzählen  weiss,  wenn  ihm  eine
wirklich  zu  bewältigende  Aufgabe  gesetzt  ist,  das  heisst  wenn
ihm  eine  Geschichte  vorliegt  im  Sinne  der  alten  und  neuen
Aesthetik,  nämlich  eine  Handlung  oder  eine  Reihe  von  Handlungen, ­
  die  wohl  motivirt  in  sich  Zusammenhängen.  An  mehr
als  einer  Legende  des  Passionais  lässt  sich  zeigen,  mit
welcher  Ueberle.genheit  er  die  Risse  und  Sprünge  seiner  kirchlichen ­
  Vorlagen  auszufiillen  weiss,  wie  er  überall  mit  feiner
Seelenkenntniss  das  unwahrscheinlichste  dieser  mehr  frommen
als  sinnreichen  Erfindungen  wahrscheinlich  zu  machen  versteht,
wie  er  die  inneren  Vorgänge  in  den  Seelen  seiner  Heiligen
und  Einsiedler,  sogar  noch  uns,  klar  darzulegen  und  begreifbar
vorzustellen  im  Stande  ist.  Mit  dieser  Gabe  steht  er  unter
den  geistlichen  Dichtern  nicht  nur  seines  Volkes  und  seiner
Zeit  allein  da.  Man  vergleiche  doch  die  zum  Verzweifeln
stumpfsinnigen  Syrer  und  Byzantiner,  welche  diese  geistlichen
Anecdoten  zusammengeschrieben  haben.  Auch  Gervinus  preist
ihn  darum  und  wegen  anderer  Eigenschaften,  die  dem  Dichter
eigen,  und  betont  mit  Recht  besonders,  mit  wie  merkwürdigem ­
  Verständnisse  der  Dichter  die  inneren  Wandlungen  und
Umwandlungen,  die  Studien  und  das  ganze  geistige  Leben  des
h.  Augustinus  darzustellen  weiss.
Nicht  ohne  Ursachen  war  er  dessen  so  meisterlich  fähig;
der  Dichter  hat  einen  ähnlichen  Weg  genommen  wie  der
Kirchenvater,  und  spricht  aus  eigener  Erfahrung  und  daher
mit  dem  vollsten  und  reichsten  Verständnisse  einer  Seele,  die
aus  dem  Abgrunde  des  gemeinen  Treibens  der  grossen  Welt
und  guten  Gesellschaft  sich  zum  Anschauen  der  himmlischen
Weisheit  gereinigt  und  empor  geschwungen  hat.
Er  selbst  war  früher  ein  weltlicher  Dichter,  bevor  er  ein
geistlicher  wurde,  wie  wir  oben  in  der  Vorrede  zum  Buch
der  Väter  1,150—  1,160  gesehen  haben.  Daselbst  sagt  er
ausdrücklich,  wie  die  Leute  eine  Gewohnheit  hätten,  welche
            
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