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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 68. Band, (Jahrgang 1871)

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Sehe  n  kl.

wusste.  Vor  Allem  war  es  Vergil,  dem  er  ein  eingehendes
Studium  gewidmet  hatte.  Vergil  galt  damals  unbestritten  für
den  grössten  Dichter,  für  das  Muster  aller  Kunst;  in  Composition,
  Sprache,  Metrik  galt  er  als  Kanon.  Daher  erklärt  es
sich,  wie  man  ihn  damals  so  sorgsam  nachbildcte;  Peerlkamp
zu  Verg.  Aen.  I,  81  sagt  ganz  richtig,  und  zwar  gerade  mit
Beziehung  auf  Valerius:  ,Nam  incredibili  Studio  Virgiliana  sequebantur
  isti  poetae/  Man  sah  in  einer  solchen  Benützung
nicht  etwa  ein  Plagiat,  nicht  einmal  ein  Geständniss  der  eigenen
Schwäche  oder  Unselbständigkeit,  sondern  es  galt  geradezu
für  eine  Schönheit,  wenn  man  durch  diese  Anklänge  bei  der
Lectüre  an  Vergil  erinnert  wurde.  Auch  konnte  hiebei  der
Dichter  seine  Kunst  darin  offenbaren,  dass  er  die  benützte
Stelle  durch  mannigfache  Veränderungen  selbständig  gestaltete
und  verschönerte.  Wie  sehr  man  sich  gerade  an  solchen  Nachbildungen ­
  und  der  Vergleichung  derselben  mit  dem  Originale
ergötzte,  kann  man  aus  Gcllius  und  Maerobius  ersehen.  Was
Vergil  sich  selbst  in  der  Benützung  des  Homer  gestattet  hatte,
im  vollen  Bewusstsein  dadurch  die  Schönheit  seines  Gedichtes
zu  erhöhen,  das  thaten  die  späteren  Dichter  mit  seinen  Werken.
Man  wird  daher  über  die  grosse  Anzahl  von  Stellen  in  den
Argonautica,  welche  Nachbildungen  Vergilischer  sind,  nicht  erstaunen ­
  dürfen.  Es  gibt  aber  gewiss  kein  besseres  Mittel,  um
den  Dichter  und  die  Art  und  Weise,  wie  er  arbeitete,  kennen
zu  lernen,  als  ein  möglichst  genaues  Verzeichniss  dieser  Nachahmungen. ­
  Ich  glaubte  daher  ein  solches  am  Ende  dieser
Studien  beifügen  zu  sollen,  um  so  mehr  als  ich,  wie  schon  bemerkt, ­
  durch  eigene  Sammlungen  in  den  Stand  gesetzt  bin,  das
vorhandene  Material  erheblich  zu  erweitern.  Natürlich  mag
auch  mir  manches  entgangen  sein;  wer  wollte  da  eine  absolute
Vollständigkeit  verheissen  und  verbürgen?  Möge  ein  Anderer
diese  Sammlungen  ergänzen  und  uns  überhaupt  eine  erschöpfende
Darstellung  des  Stiles  des  Valerius  liefern! 59 )

59 )  Ausser  Vergil  hat  Valerius  besonders  Ovid,  auch  Lucan  und  die  Tragödien
des  Seneca  nachgebildet.  Ich  beschränke  mich  liier  bloss  auf  einige  Beispiele, ­
  indem  ich  die  weitere  Durchführung  Anderen  überlasse.  Aus  Ovid
hat  der  Dichter  ganze  Verstheile  entnommen,  z.  B.  II,  157  (lacte  ferino)
=  Trist.  III,  11,  3;  IV,  48  (icta  fatiscit  aquis)  =  Trist.  I,  10,  8;  IV,
517  f.  fimaqve  summis  miseuit)  —  Met.  VII,  278;  V,  125  (vera  propago)
            
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