370
Sehe n kl.
wusste. Vor Allem war es Vergil, dem er ein eingehendes
Studium gewidmet hatte. Vergil galt damals unbestritten für
den grössten Dichter, für das Muster aller Kunst; in Composition,
Sprache, Metrik galt er als Kanon. Daher erklärt es
sich, wie man ihn damals so sorgsam nachbildcte; Peerlkamp
zu Verg. Aen. I, 81 sagt ganz richtig, und zwar gerade mit
Beziehung auf Valerius: ,Nam incredibili Studio Virgiliana sequebantur
isti poetae/ Man sah in einer solchen Benützung
nicht etwa ein Plagiat, nicht einmal ein Geständniss der eigenen
Schwäche oder Unselbständigkeit, sondern es galt geradezu
für eine Schönheit, wenn man durch diese Anklänge bei der
Lectüre an Vergil erinnert wurde. Auch konnte hiebei der
Dichter seine Kunst darin offenbaren, dass er die benützte
Stelle durch mannigfache Veränderungen selbständig gestaltete
und verschönerte. Wie sehr man sich gerade an solchen Nachbildungen
und der Vergleichung derselben mit dem Originale
ergötzte, kann man aus Gcllius und Maerobius ersehen. Was
Vergil sich selbst in der Benützung des Homer gestattet hatte,
im vollen Bewusstsein dadurch die Schönheit seines Gedichtes
zu erhöhen, das thaten die späteren Dichter mit seinen Werken.
Man wird daher über die grosse Anzahl von Stellen in den
Argonautica, welche Nachbildungen Vergilischer sind, nicht erstaunen
dürfen. Es gibt aber gewiss kein besseres Mittel, um
den Dichter und die Art und Weise, wie er arbeitete, kennen
zu lernen, als ein möglichst genaues Verzeichniss dieser Nachahmungen.
Ich glaubte daher ein solches am Ende dieser
Studien beifügen zu sollen, um so mehr als ich, wie schon bemerkt,
durch eigene Sammlungen in den Stand gesetzt bin, das
vorhandene Material erheblich zu erweitern. Natürlich mag
auch mir manches entgangen sein; wer wollte da eine absolute
Vollständigkeit verheissen und verbürgen? Möge ein Anderer
diese Sammlungen ergänzen und uns überhaupt eine erschöpfende
Darstellung des Stiles des Valerius liefern! 59 )
59 ) Ausser Vergil hat Valerius besonders Ovid, auch Lucan und die Tragödien
des Seneca nachgebildet. Ich beschränke mich liier bloss auf einige Beispiele,
indem ich die weitere Durchführung Anderen überlasse. Aus Ovid
hat der Dichter ganze Verstheile entnommen, z. B. II, 157 (lacte ferino)
= Trist. III, 11, 3; IV, 48 (icta fatiscit aquis) = Trist. I, 10, 8; IV,
517 f. fimaqve summis miseuit) — Met. VII, 278; V, 125 (vera propago)