274
Sehen kl.
Aus dem Prooemium der Argonautica ersehen wir, dass
Valerius zu dem Collegium der sibyllinischen Fünfzehnmänner
gehörte (5 ff.), dass er sein Gedicht dem Vespasian gewidmet
(7 ff.) und das Prooemium nicht lange nach der Einnahme von
Jerusalem durch Titus (70 n. Chr., vgl. 12 f.) ahgefasst hat.
Wenn wir noch hinzufügen, dass man aus Quintilian X, 1, 90
(multum in Valerio Flcicco nuper amisimus) die ungefähre Zeit
seines Todes erschliessen kann (denn die Institutiones sind um
90 n. Chr. ahgefasst und somit ist Valerius jedenfalls vor dieser
Zeit gestorben), so sind alle Nachrichten über das Leben unseres
Dichters erschöpft. Dass der Freund des Martial, Flaccus
aus Patavium, nicht, wie man früher glaubte, mit Valerius identisch
ist, hat Thilo (V ff.) überzeugend nachgewiesen.
Betrachten wir nun das Prooemium näher, so muss uns
auffallen, dass trotz der Widmung an Vespasian eigentlich
Domitian als Hauptperson in demselben hervortritt. Ich denke
hiebei nicht an das reiche Lob, welches den dichterischen Bestrebungen
des Domitian gespendet wird und sich namentlich
2 ) Wenn ich hier, trotzdem in neuester Zeit sich A. Imhof (T. Flavins Domitianus,
Halle 1857, S. 130 ff.) und A. Breysig in seiner Ausgabe der
Aratea (Berlin 1867, S. XII) für Germanicus als Verfasser jener Uebersetzung
ausgesprochen haben, wieder für die Ansicht von Rutgers (Var.
lect. II, 9, S. 122 f.) eintrete, wornacli dieselbe eine Arbeit des Domitian
ist, so tliue ich dies aus guten Gründen. Allerdings lautet in den
meisten und ältesten Handschriften der Titel Claudi Caesaris Aratea und
wird das Gedicht bei Lactantius (Inst. div. I, 11 und 21, V, 5, 4) und
Hieronymus (ad Tit. I, 1) unter dem Namen des Germanicus Caesar citiert,
wie sich denn der Name Germanicus auch in einigen jüngeren Handschriften
und der editio princeps findet. Aber hierauf alles Gewicht zu
legen wäre doch voreilig. Denn da Domitian seit 8,4 immer Germanicus
Augustus (Quint. X, 1, 91), von den Dichtern auch bloss Germanicus genannt
wurde, so konnte man seine Aratea recht wol als die Germanici
Augusti oder bloss Germanici bezeichnen, was in späteren Zeiten die Verwechslung
mit dem Sohne des Drusus und die Umänderung des Titels
herbeiführen mochte. Auch wäre es möglich, dass unter der Regierung
des Domitianus in die ursprüngliche Aufschrift Domitiani Caesaris Aratea
noch Germanici eingefügt wurde und daraus jenes Germanici Caesaris
entstand. Ja aus Martial II, 2, 4 (et puer hoc dignus nomine, Caesar,
eras) könnte man sogar folgern, dass Domitian schon als pver den Beinamen
Germanicus geführt habe, wiewol es ratlisamer ist die Worte so
zu verstehen: ,Du hättest schon als puer diesen Namen führen sollen 1 ,
womit der Schmeichler auf jene Reise nach Gallien mit Mucianus an-