Abhandlungen ans dem Gebiete der alten Geschichte.
93
dem christlichen Oriente und Occidente im ersteren sich rein
zur Personalfrage verkehrte, ob Ignatios oder Photios Patriarch
von Gonstantinopel bleiben sollte. Als die Bulgaren den entscheidenden
Schritt thaten, sich an Rom wandten und von dort
einen Patriarchen verlangten, Rom somit auf dem Punkte
stand, seine illyrische Kirchenprovinz durch die Bekehrung der
Bulgaren wieder zu gewinnen, musste man in Constantinopel
fühlen, dass man endlich auf hören müsse, zwischen Bilderzerstörung
und Bilderverehrung hin und herzuschwanken, da
wichtigere Interessen als diese auf dem Spiele standen. Es
gelang, den Einfluss Rom’s auf die Bulgaren zu paralysiren,
jedoch ohne das Andringen der Bulgaren auf politische Gleichstellung
mit dem byzantinischen Reiche abthun zu können.
Da man aber versäumt hatte, aus Bulgaren und Romäern Ein
Reich zu machen, wie aus Franken und Gallorömern ein Reich
geworden war, trat jetzt das Schreckbild eines bulgarischen
Kaiserthums an die Mauern von Constantinopel heran und die
neue makedonische Dynastie schien verurtheilt zu sein, es
ruhig gewähren zu lassen. Gerade was man byzantinischer
Seits sorgfältig zu verhindern suchte, war eingetreten und theilweise
durch dieselben Mittel, die das Unheilvolle abwenden
sollten., War so der politische Dualismus fertig und schien
nun nichts die Bulgaren zu hindern, die im byzantinischen
Reiche angesiedelten Slaven gutwillig oder gewaltsam zu einem
Grossstaate zu vereinigen, der vom schwarzen zum adriatischen
Meere reichen sollte, so machte sich in Bezug auf die Frage,
ob der Patriarchenstreit bis zum kirchlichen Schisma, zum
reli giösen Dualismus gesteigert werden sollte, zuletzt denn doch
der einheitliche Gedanke mit ganzem Nachdrucke geltend und
wurde nicht blos der gelehrte Photios — der Träger der
Schismaidee — beseitigt, sondern auch die Wiedererwerbung
einer Stellung in Italien und Sicilien mit Nachdruck betrieben.
Wiederholt wurden im Laufe des X. wie des XI. Jahrhunderts
Anstalten getroffen, dem Einflüsse der deutschen Kaiser auf
das Papstthum, das ja zuletzt ganz übermächtig geworden war,
den byzantinischen an die Seite zu stellen, ja ihn geradezu gewaltsam
zu verdrängen. Man konnte bereits sagen, so bald
die deutschen Kaiser sich als Weltkaiser zu fühlen begannen,
trat ihnen der byzantinische Kaiser ebenso entgegen, wie der