Abhandlungen aus dem Gebiete der alten Geschichte.
89
Constantinopel, 1 da hörte die Sorge um das Kaiserthum und
den Staat auf, die Geschäfte verfielen, der wissenschaftliche
Unterricht schwand und das Heerwesen löste sich auf/ Es
lässt sich eben weder mit Menschen, noch mit Grundsätzen,
noch mit Ereignissen spielen.
Im byzantinischen Reiche war es endlich zum Abschlüsse
mit dem ikonoklastischen Streite und zur Begründung einer
occidentalen Dynastie, der makedonischen (867) gekommen.
Aber die Auseinandersetzung mit dem nunmehr kaiserlichen
Westen Hess noch lange auf sich warten. Sie konnte auf
zweierlei Weise geschehen.
Es konnte erstens ein ehrliches, offenes Yerständniss mit
dem Abendlande eintreten. Dann mussten aber 1. alle Tendenzen,
den Pontifex und den Kaiser zu spielen, aufgegeben, 2. die
in Illyricum und Italien auf Kosten der Päpste stattgehabten
kirchlichen Entfremdungen wieder rückgängig gemacht, 3. die
neue weströmische Kaiserwürde unverholen anerkannt, den
Thatsachen ein für alle Mal Rechnung gepflogen werden.
Allein diesem anscheinend so billigen Verlangen standen viele
und schwere Bedenken entgegen. Im byzantinischen Reiche
herrschte die Anschauung von den fünf grossen Patriarchen
vor, die an der Spitze der Christenheit standen. Sie war jedoch
nur zu Gunsten des Patriarchen von Constantinopel, das doch
nicht wie Jerusalem, Antiochia, Alexandria oder Rom einen
Apostel oder Aposteljünger zu seinem Stifter hatte, - und dessen
58 Bischöfe, von Metrophanes, dem ersten historisch beglaubigten
(im Anfänge des IV. Jahrhunderts), bis Methodius von Syrakus,
der den lkonoklasmos 842 beendete, nicht weniger als 21
Häretiker oder Begünstiger von Häresien unter sich zählten.
Gerade in der jüngsten Zeit hatten die grossen Theologen der
ikonoklastischen Verfolgungsperiode den Werth der vollen Unabhängigkeit
des römischen Stuhles von der weltlichen Macht
kennen gelernt und hoch geschätzt. Von dieser Seite war den
hochgehenden Fluthen des lkonoklasmos Halt geboten worden.
Mit Begeisterung pries daher der Grieche Theodoret, dass dieser
1 Ed. Bekker, p ; 38.
2 Freilich liiess es später, der hl. Andreas habe die Kirche von Byzanz gegründet.
Man brauchte eben einen Apostel und verschrieb sich denselben
so gut es ging.