Abhandlungen aus dem Gebiete der alten Geschichte.
51
entgegenträgt, dass er sich nicht ergiebigeren Studien zuwende.
Man kann auch nicht leugnen, dass die byzantinische Geschichte
im Gegensätze zu der der frischen Staaten der Germanen
den Charakter des nie jung gewesenen, des von Anfang an
Alten und durch das Alter Gebrochenen in unliebem Grade behauptet.
Man wird unwillkürlich an diejenige Stellung erinnert,
welche unter den asiatischen Staaten China einnimmt, dessen
Geschichte nur für äusserst wenige Menschen etwas Anziehendes
in sich schliesst. Daneben vergisst man nur zu häufig, dass
dieses Reich, die natürliche Fortsetzung des römischen, durch
die blosse Thatsache, dass es sich das ganze Mittelalter hindurch
erhielt, die Verbindung des letzteren mit der antiken Periode
ununterbrochen wahrte, dem Mittelalter die Continuität mit der
vorausgegangenen grossen Culturperiode des Menschengeschlechtes
in einer Weise verlieh, wie es Rom nicht möglich war,
in welchem der Gothenkrieg den Zusammenhang zerstörte und
nicht ein Miss-, sondern ein Uiiverständniss der eigenen Vergangenheit
schuf. Es war keine Kleinigkeit, beinahe ohne einen
Ruhepunkt zu gewinnen, den Gothen- und Hunnensturm, den
Avareneinbruch, die alles zerstörende Invasion der Slaven,
wie die Bulgarenkriege, den rasenden Anfall der Neuperser, der
Araber, der Seldschuken, die Normanenkämpfe, die lateinische
Occupation auszuhalten und erst den Osmanen, dem
kriegerischesten Volke der neueren Zeit, zu erliegen! Wenn
zähe Ausdauer eine politische Tugend ist, so kam sie dem
byzantinischen Reiche in hohem Grade zu. Sie setzt immer
ein Lebensprincip, eine innere Nothwendigkeit voraus, die selbst
dem Unwilligen Achtung einflösst. Wie schon nach dieser Seite hin,
den Völkern gegenüber, deren Hereinflutlien nach dem Abendlande
das byzantinische Reich aufhielt, die Geschichte desselben
einen Mikrokosmos bildet, ist dieses noch mehr der Fall den
Nationen gegenüber, welche in das Reich selbst eindrangen und
eine ethnographische Sammlung, eine Vielheit von Territorien erzeugten,
die gänzlich -zu bewältigen dem Reiche nicht mehr
möglich wurde. Dadurch gestaltete sich einerseits ein byzantinisches
Staatensystem, das zwei Erdtheile, manchmal auch drei
Umfasste, und nach Innen ein System der Politik, welches
so viel als möglich das Aufkommen von Staaten zu verhindern
strebte, die Völker verpflanzte, sie zu gräcisiren suchte, das