Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

50

H  ö  f  1  e  r.

da  die  westliche  Hälfte  mehr  und  mehr  in  Abhängigkeit  von
der  östlichen  gerieth,  die  der  Primogeniturlinie  des  theodosianischen
  Hauses  zugewendet  worden  war;  zugleich  hörte  die
westliche  Hälfte  so  ziemlich  auf,  römisch  zu  sein,  wurde  aber
dann  im  sechsten  Jahrhundert  mit  der  östlichen  vereinigt,  die,  als
der  Westen  schyrisch,  gothisch,  burgundisch,  vandalisch,  fränkisch ­
  geworden  war,  allein  das  römische  Element  repräsentirte,
das  römische  Reich  ausmachte.  Als  Justiuian  einen  grossen  Theil  des
Westens  wiedereroberte,  vereinigte  er  denselben  nicht  mit  dem
oströmischen,  sondern  mit  dem  römischen  Reiche.  Er  war  der
Wiederhersteller  des  römischen,  nicht  des  oströmischen  Reiches.
Es  ist  das  kein  Spiel  mit  Worten.  Es  entspricht  diese
Darstellung  auch  ganz  dem  staatsrechtlichen  Begriffe  jener
Tage;  sie  entspricht  der  ■  Thatsaehe,  und  hat  die  Geschichtforschung
  vor  Allem  letztere  zu  sichern,  so  ist  es  Aufgabe  der
Geschiehtwissenschaft,  die  richtigen  historischen  Begriffe  festzustellen. ­
  Die  Aufgabe  dos  Historikers  ist  meiner  Ueberzeugung
nach  nur  zur  Hälfte  gelöst,  wenn  auf  die  Feststellung  dos
Factums  nicht  auch  die  des  Begriffes  folgt.  Was  hälfe  es  auch,
fort  und  fort  neue  Thatsachen  ausfindig  zu  machen,  wenn  in
Betreff  derjenigen,  die  in  das  Gedächtniss  der  sogenannten
Gebildeten  gedrungen  sind,  ihren  historischen  Haushalt  ausmachen ­
  ,  fortwährend  der  Irrthum,  die  einmal  eingebürgerte
Unwahrheit  die  Herrschaft  führt  und  die  zerstreuten  Thatsachen
nicht  zu.  einem  richtigen  Begriffe  verbunden  werden.  Es  gilt
ja  dieses  auch  in  Betreff  der  Geschichte  der  einzelnen  Völker,
die  statuarisch  einander  gegenüber  gestellt,  sich  in  richtige
Begriffe  nach  ihrem  ganzen  individuellen  Sein,  ihrer  Aufgabe
und  ihrer  Wirksamkeit,  je  stärker  sie  in  der  Geschichte  hervorgetreten ­
  sind,  auch  desto  schärfer  begränzen  lassen.  Das
römische  Reich  hat  eben  etwas  länger  gedauert,  als  man  gewöhnlich ­
  annimmt  und  dem  Mittelalter  lange  Zeit  zum  Halte
gedient,  ja  war  desfeen  erster  und  wichtigster  Staat,  was  die
vom  Alterthume  herübergekommene  Cultur  betrifft.
Es  wird  freilich  noch  längerer  Zeit  bedürfen,  bis  die  Abneigung ­
  sich  legt,  welche  nicht  blos  im  Allgemeinen  gegen  die
byzantinische  Geschichte  herrscht,  sondern  auch  mehr  oder
minder  auf  denjenigen  übergetragen  wird,  welcher  sich  damit
beschäftigt  und  dem  man  mindestens  eine  stille  Verwunderung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.