Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

Uober  Kant’s  mathematisches  Vorurtlieil  und  dessen  Folgen.

21

Durch  die  Annahme  reiner  Anschauungen  des  Raumes
und  der  Zeit  dehnt  sich  das  Hume’sehe  Problem  über  die
Grenzen  fies  Verstandes  auch  auf  das  Gebiet  der  Sinnlichkeit
aus.  Zu  den  Begriffen,  durch  welche  der  Verstand  a  priori  die
Verbindungen  der  Dinge  denkt,  treten  nun  noch  die  Anschauungen ­
  hinzu,  durch  welche  der  Sinn  a  priori,  d.  i.  vor  aller
Wahrnehmung  eines  Gegenstandes  schaut,  und  ohne  welche
demnach  ebensowenig  eine  Erscheinung,  wie  ohne  jene  eine
Erfahrung  gedacht  werden  kann.  Nur.  durch  die  Annahme
sämmtlicher  dem  Erkenntnissvermögen  inwohnender  apriorischer
Elemente  als  allgemeiner  und  nothwendiger  Form  (des  Zusatzes) ­
  der  durch  die  Sinne  gegebenen  Empfindungen  (des
Grundstoffs)  wird  eine  in  sich  zusammenhängende,  für  alle
Wesen  gleichartiger  Organisation  gleichlautende  Erfahrung  begreiflich. ­
  Der  Inbegriff  derselben  bildet  den  unverlierbaren
Besitz  des  denkenden  Subjects,  ohne  welchem  keine  Erfahrung, ­
  welcher  aber  selbst  nicht  aus  der  Erfahrung  ist.  Selbe
machen  gleichsam  das  Inventar  ium  des  Denkenden  vor
jeder  Besitznahme  desselben  durch  die  Zufuhr  von  Aussen
aus,  welches  Apriori  durch  diese  eben  so  wenig  gegeben  als  genommen ­
  werden  kann.  Stellt  die  mit  Hilfe  derselben  gewonnene ­
  Erkenntniss  Physik,  so  stellt  der  unabhängig  von
aller  Erfahrung  vorhandene  apriorische  Besitz  des  Erkenntnissvermögens
  sammt  allen  daraus  abgeleiteten  Begriffen  Metapliysik
  dar,  welche  die  reine  Mathematik  und  reine  Naturwissenschaft ­
  mit  in  sich  begreift.
Aber  auch  über  die  Gebiete  der  mit  dem  Erkenntnissvermögen ­
  nach  Wolf’schor  Psychologie,  der  Grundlage  der  Kritik,
verbundenen  anderweitigen  Seelenvermögcn  erweiterte  sich  unter
Kant’s  Händen  das  Plume’sche  Problem.  Hume,  wie  seine
schottischen  Landsleute  A.  Smith  und  Hutchesen,  und  vor
ihnen  der  Engländer  Clarke,  liessen  in  moralischen  und  ästhetischen ­
  Dingen  die  Aussprüche  der  Vernunft,  die  von  ihnen
bald  Sympathie,  bald  moralischer  Sinn  oder  Schicklichkeitsgefühl
genannt  wurde,  als  untrüglich  gelten.  Kant  in  der  Kritik  der  Urtheilskraft
  und  der  praktischen  Vernunft  wies  apriorische  Elemente, ­
  wie  jene  des  Erkenntnissvermögens,  auch  im  Gefühls- ­
  und  Begehrungsvermögen  nach  und  gründete
darauf,  indem  er  den  Namen  Metaphysik  auf  alle  unabhängig
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.