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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

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Müller.  Morphologie  u.  Entwicklungsgeschichte  d.  Sprachen.

eine  ebenso  gelinge,  wenn  nicht  eine  noch  geringere  Berechtigung. ­

Da  das  Chinesische  zwar  Stoff  und  Form  scheidet,  die
letztere  aber  nicht  durch  lautliche  Mittel  zum  Ausdrucke  bringt,
so  müssten,  wenn  die  indogermanische  Ursprache  einmal  in
demselben  Zustande,  wie  das  Chinesiche  sich  befunden  haben
soll,  die  Formen  etjj.i,  s'p.t  nicht  i-ma,  as-ma,  sondern  i,  as  gelautet ­
  haben.  Wie  aber  dann  eine  Sprache,  welche  die  Form
principiell  lautlich  nicht  bezeichnet,  nachträglich  dazu  kommt
dies  zu  thun,  und  woher  sie  vor  allem  andern  die  Mittel  dazu
nimmt,  dies  bleibt  ein  vollkommen  räthselhaftes  und  unerklärliches ­
  Problem.
Man  sieht  daraus,  dass  der  Vergleich  des  isolirenden  Zustandes ­
  der  indogermanischen  Ursprache  mit  jenem  des  Chinesischen ­
  und  vollends  der  hinterindischen  Sprachen  auffallend
hinkt,  und  dass  überhaupt  die  ganze  Dreitheilung  der  Sprachen ­
  in  isolirende,  agglutinirende  und  flectirende  eine  rein
äusserliche  und  oberflächliche  ist,  indem  sie  nicht  auf  das  der
Form  der  Sprache  zu  Grunde  liegende  Princip,  sondern  lediglich ­
  auf  die  äusseren  Mittel,  mit  welchen  die  Sprachen  die
Form  zu  erreichen  streben,  Rücksicht  nimmt.
Nachdem  nun,  wie  wir  erwiesen  zu  haben  glauben,  weder
die  beliebte  Dreitheilung  der  Sprachen  noch  die  aus  ihr  hergeleitete ­
  Stufenfolge  der  Entwicklung  irgend  welchen  thatsächlichen
  Grund  hat,  so  wird  wohl  Niemand  in  der  Einsilbigkeit
des  Chinesischen  einen  Beweis  seines  Mangels  an  einer  inneren
Entwicklung  erblicken  wollen.  Wie  die  Entwicklung  des  Chinesischen ­
  beschaffen  war,  wird  freilich  die  Forschung  nie  mit  Sicherheit ­
  vollständig  festzustellen  vermögen,  aber  so  viel  ist  gewiss,
dass  die  in  ihrer  Art  vollendete  Form  des  Chinesischen  kein  Product ­
  primitiver  Anlage  sein  kann,  sondern  einen  Process  voraussetzt, ­
  der  zwar  nicht  so  complicirt  war,  wie  der  innerhalb  der
flectirenden  Sprachen  geltende,  aber  an  Energie  ihm  wenig
nachgestanden  zu  sein  scheint.
            
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