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Müller.
Chinesisch und Bermanisch gehören zwar nach der Ansicht
Schleichers (Compendium S. 3.) in eine und dieselbe
Classe, sind isolirende Sprachen; sie gehen aber in der
Wirklichkeit nichts weniger als von einem und demselben Princip
o aus. Während das Chinesische Stoff und Form genau
scheidet, ist dies im Bermanischen durchaus nicht der Fall.
Während das Chinesische, wenn man vom Satze ausgeht, den
flectirenden Sprachen in Bezug auf den scharfen Unterschied
zwischen Stoff und Form wenig nachsteht, steht das Bermanische
im Ganzen auf derselben Stufe wie die sogenannten agglutinirenden
Sprachen, nur dass es die Roheit, welche in dem
Principe seiner Bildung liegt, weniger zu verbergen versteht.
Nun muss das Chinesische, welches die Form lautlich
nicht bezeichnet, sondern die Bezeichnung derselben innerhalb
des Satzes durch wesentlich rhetorische Mittel zu erreichen
sucht, einmal gewiss in einem Zustande sich befunden haben,
wo diese Mittel noch nicht so wie gegenwärtig ausgebildet
waren. Wie diese Mittel beschaffen waren, dies können wir
gegenwärtig nicht entscheiden; aber dies ist gewiss, dass sie
liehen Unterschied anerkennen wollen, worin wir ihnen vollkommen Recht
geben müssen. Ob die Anhänger dieser morphologischen Classification
glauben, dass eine agglutinirende Sprache einmal fioCtirend und eine einsilbige
Sprache einmal agglutinirend und flectirend werden könne, ist
milk aus ihren Arbeiten nicht recht klar, ich muss dies aber aus ihrer
Annahme, das Indogermanische, eine flectireude Sprache,. sei einmal auch
agglutinirend, ja sogar einmal einsilbig (im Sinne des Chinesischen und
Bermanischen sic!) gewesen, voraussetzen.
Man sieht, in welche schwankende und absurde Ansichten man
sich verstrickt, wenn man von Aousscrliclikoiten ausgeht und den Kern
der Sache bei Seite lässt!
Ganz anders verhält sich die ganze Frage, wenn man das den
Bildungen zu Grunde liegende Princip, die Scheidung von Stoff und
Form selbst in’s Auge fasst. Wenn auch die indogermanischen Sprachen
einmal in einem Zustande sich befanden, welcher jenen der agglutiuirenden
Sprachen ähnelte, so haben sie von diesen doch durch die principielle
Scheidung von Stoff und Form sich unterschieden! Dadurch, dass
zwei Körper in einem flüssigen Zustande sich befinden, gehören sie noch
nicht-in dieselbe Reihe. Ein breiartiges Gemenge wird nio zu ähnlichen
Krystallou wie der Zucker sich verdichten; Sprachen, welchen das Gefühl
für die Form von allem Anfang an fehlt, werden nie zu Formsprachen
sich entwickeln.