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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

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Müller.

Chinesisch  und  Bermanisch  gehören  zwar  nach  der  Ansicht ­
  Schleichers  (Compendium  S.  3.)  in  eine  und  dieselbe
Classe,  sind  isolirende  Sprachen;  sie  gehen  aber  in  der
Wirklichkeit  nichts  weniger  als  von  einem  und  demselben  Princip
  o  aus.  Während  das  Chinesische  Stoff  und  Form  genau
scheidet,  ist  dies  im  Bermanischen  durchaus  nicht  der  Fall.
Während  das  Chinesische,  wenn  man  vom  Satze  ausgeht,  den
flectirenden  Sprachen  in  Bezug  auf  den  scharfen  Unterschied
zwischen  Stoff  und  Form  wenig  nachsteht,  steht  das  Bermanische
  im  Ganzen  auf  derselben  Stufe  wie  die  sogenannten  agglutinirenden
  Sprachen,  nur  dass  es  die  Roheit,  welche  in  dem
Principe  seiner  Bildung  liegt,  weniger  zu  verbergen  versteht.
Nun  muss  das  Chinesische,  welches  die  Form  lautlich
nicht  bezeichnet,  sondern  die  Bezeichnung  derselben  innerhalb
des  Satzes  durch  wesentlich  rhetorische  Mittel  zu  erreichen
sucht,  einmal  gewiss  in  einem  Zustande  sich  befunden  haben,
wo  diese  Mittel  noch  nicht  so  wie  gegenwärtig  ausgebildet
waren.  Wie  diese  Mittel  beschaffen  waren,  dies  können  wir
gegenwärtig  nicht  entscheiden;  aber  dies  ist  gewiss,  dass  sie

liehen  Unterschied  anerkennen  wollen,  worin  wir  ihnen  vollkommen  Recht
geben  müssen.  Ob  die  Anhänger  dieser  morphologischen  Classification
glauben,  dass  eine  agglutinirende  Sprache  einmal  fioCtirend  und  eine  einsilbige ­
  Sprache  einmal  agglutinirend  und  flectirend  werden  könne,  ist
milk  aus  ihren  Arbeiten  nicht  recht  klar,  ich  muss  dies  aber  aus  ihrer
Annahme,  das  Indogermanische,  eine  flectireude  Sprache,.  sei  einmal  auch
agglutinirend,  ja  sogar  einmal  einsilbig  (im  Sinne  des  Chinesischen  und
Bermanischen  sic!)  gewesen,  voraussetzen.
Man  sieht,  in  welche  schwankende  und  absurde  Ansichten  man
sich  verstrickt,  wenn  man  von  Aousscrliclikoiten  ausgeht  und  den  Kern
der  Sache  bei  Seite  lässt!
Ganz  anders  verhält  sich  die  ganze  Frage,  wenn  man  das  den
Bildungen  zu  Grunde  liegende  Princip,  die  Scheidung  von  Stoff  und
Form  selbst  in’s  Auge  fasst.  Wenn  auch  die  indogermanischen  Sprachen
einmal  in  einem  Zustande  sich  befanden,  welcher  jenen  der  agglutiuirenden
  Sprachen  ähnelte,  so  haben  sie  von  diesen  doch  durch  die  principielle
  Scheidung  von  Stoff  und  Form  sich  unterschieden!  Dadurch,  dass
zwei  Körper  in  einem  flüssigen  Zustande  sich  befinden,  gehören  sie  noch
nicht-in  dieselbe  Reihe.  Ein  breiartiges  Gemenge  wird  nio  zu  ähnlichen
Krystallou  wie  der  Zucker  sich  verdichten;  Sprachen,  welchen  das  Gefühl
für  die  Form  von  allem  Anfang  an  fehlt,  werden  nie  zu  Formsprachen
sich  entwickeln.
            
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