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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

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Müller.

am  meisten  depravirten  Sprachen,  die  mau  sich  nur  denken
kann;  es  hat  die  absteigende  Entwicklung  so  frühzeitig  und
vollständig  wie  keine  andere  Sprache  durchgemacht.
Das  verkehrte  Urtheil  über  die  chinesische  Sprache,  welches ­
  bei  den  meisten  Sprachforschern  sich  befestigt  hat,  rührt
zum  grössten  Theil  daher,  dass  man  bei  der  Bourthcilung  derselben ­
  ausschliesslich  von  dem  sogenanten  Mandarin-Dialecte
(kwan-hoa)  ausgegangen  ist  und  die  Volksdialecte  ganz  bei
Seite  gelassen  hat.  Ein  solches  Urtheil  hätte  vor  hundert  Jahren, ­
  wo  man  die  Volksdialecte  als  barbarisch  und  eines  wissenschaftlichen ­
  Studiums  für  unwürdig  ansah,  einige  Berechtigung ­
  gehabt,  es  ist  aber  heut  zu  Tage,  wo  man  über  dergleichen ­
  Dinge  ganz  anders  zu  urthcilen  pflegt,  ein  purer  Anachronismus. ­

Um  den  Charakter  der  chinesischen  Sprache  genau  zu
erfassen,  ist  es  vor  allem  anderen  nothwemlig  die  Sprache  von
der  Darstellung  derselben,  der  Schrift,  genau  zu  scheiden.
Wenn  auch  der  innige  Zusammenhang  zwischen  Sprache  und
Schrift  nirgends  so  deutlich  hervortritt  wie  im  Chinesischen,  so
sind  beide  doch  nicht  etwa  identisch,  dass  von  dem  einen  ein
Schluss  auf  das  andere  unmittelbar  gemacht  worden  könnte.
Im  Ganzen  scheint  die  chinesische  Schrift  die  vollständige ­
  Entwicklung  der  Sprache  bereits  vorauszusetzen;
ihr  ganzer  Charakter  ist  nur  insoferne  begreiflich,  als  man  die
zahlreichen  Homonymien,  an  denen  das  Chinesische  so  reich
ist,  wie  keine  andere  Sprache  der  Erde,  als  bereits  vorhanden
voraussetzt.  Nun  sind  aber  diese  Homonymien  wenigstens  in
diesem  Umfange  nicht  etwas  Ursprüngliches,  sondern  sind  zum
grössten  Tlieile,  wie  eine  Vergleichung  der  Schriftsprache  mit
den  Volksdialecten  darthut,  nach  und  nach  entstanden.
Es  liegt  daher  der  Schluss  nahe,  dass  die  Schrift  erst
dann  erfunden  werden  konnte,  als  die  Sprache  bereits  den  gegenwärtig ­
  darbietenden  Charakter  an  sich  trug.  Die  Periode
den  geschriebenen  Sprache,  d.  h.  die  Zeit,  welche  von  der  Erfindung ­
  der  Schrift  bis  auf  den  heutigen  Tag  reicht,  ist  innerhalb ­
  des  Chinesischen  eine  ungemein  lange;  es  ist  aber  eine
noch  längere  Periode  hinter  ihr  gelegen.
Gegenwärtig,  wo  der  Auslaut  der  Satzglieder  (welche
unseren  Worten  entsprechen)  auf  die  Vocalc  und  flüssigen
            
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