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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

Morphologie  und  Entwicklungsgeschichte  der  Sprachen.

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sämmtlicher  nun  vorhandenen  indogermanischen  Sprachen,  bereits ­
  lange  abgeschlossen.  Wäre  nun  vor  dem  Ausbaue  dieser
Ursprache  eine  Spaltung  innerhalb  derselben  eingetreten  und
hätte  etwa  die  indisch  -  eranische  Sippe  von  den  übrigen  Sprachen ­
  damals  sich  losgelöst,  so  würden  die  in  sie  fallenden  Sprachen ­
  gegenüber  den  andern  indogermanischen  Idiomen  (den
europäischen)  gegenwärtig  ungefähr  dasselbe  Verhältniss  darbieten, ­
  wie  es  zwischen  den  malayischen  und  den  polynesischen
Sprachen  besteht  und  wie  es  auch  zwischen  den  fünf  grossen
Abtheilungen  der  ural-altaischen  Sprachen  (Finnisch,  Samojedisch,
  Tartarisch,  Mongolisch  und  Tungusisch)  angenommen
werden  muss.  Es  wäre  dann  innerhalb  der  indogermanischen
oder  dann  besser  der  arisch-europäischen  Sprachen  eine  aufsteigende ­
  Sprachentwicklung  historisch  nachweisbar  und  mit
dieser  aufsteigenden  Sprachentwicklung  wäre  die  Verschiedenheit ­
  der  beiden  Spraclizweige,  welche  gegenwärtig  als  ganz
nahe  verwandt  sich  herausstellen,  eine  so  grosse,  dass  vielleicht
manche  Forscher  eben  so  wenig  eine  ursprüngliche  Einheit
derselben  zugeben  würden,  als  sie  es  bei  den  ural-altaischen,
malayo-polynesisclien  und  hamito-semitischen  zu  thun  pflegen.
Wenn  wir  nun  an  der  Hand  dieser  Erwägungen  und  Betrachtungen ­
  die  Frage  aufwerfen,  ob  auch  jene  Sprache,  welche
man  oft  als  den  Typus  der  ältesten  und  ursprünglichsten  Sprachbildung
  anzuführen  pflogt,  nämlich  das  Chinesische,  diese  zwei
Perioden  durchlebt  hat,  welche  wir  an  allen  uns  näher  bekannten ­
  Sprachen  beobachten  oder  voraussetzen  können,  so
kann  die  Antwort,  welche  wir  darauf  geben  müssen,  nicht
zweifelhaft  sein.  Auch  das  Chinesische  muss  beide  Perioden,
sowohl  jene  des  Wachsthums,  als  auch  die  der  inneren  Ausbildung ­
  und  des  lautlichen  Verfalles  durchgelebt  haben,  auch
das  Chinesische  muss  gegenwärtig  in  der  Richtung  der  absteigenden ­
  Sprachentwicklung  sich  befinden.
Wir  behaupten  daher:  jener  Bau  des  Chinesischen,  welchen
es  gegenwärtig  darbietet,  ist  nicht  der  ursprüngliche.  —  Derselbe ­
  kann  sehr  alt  sein,  er  kann  sogar  1000  bis  2000  Jahre
vor  Beginn  unserer  Zeitrechnung  zurückgehen,  aber  so  alt  und
so  ursprünglich  wie  der  Bau  jenes  Idiomes,  welches  der  indogermanischen ­
  Ursprache  zu  Grunde  liegt,  ist  er  gewiss  nicht!
Wir  behaupten  sogar,  das  Chinesische  gehört  lautlich  zu  den
            
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