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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

Ueber  Kant’s  mathematisches  Vorurtheil  und  dessen  Folgen.

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bis  auf  den  heutigen  Tag  üngeschlichteten  Streit  hervorgerufen ­
  hat.
Dasselbe  betrifft  nämlich  die  Frage,  auf  welchem  Wege,
die  Existenz  jenes  apriorischen  ,Zusatzes'  zur  Erfahrung  in
unserem  Erkenntnissvermögen  vorausgesetzt,  die  Erkenntniss
dieses  letzteren  selbst  durch  das  Erkenntnissvermögen  möglich
sei?  Wäre  ein  solcher  nicht  vorhanden,  oder  dessen  Betreten
doch  unsicher,  so  wäre  jener  ,apriorische  Zusatz'  selbst  für
u  n  s  gar  nicht  oder  so  gut  wie  nicht  vorhanden,  weil  wir  nie
wissen  oder  wenigstens  nicht  mit  Sicherheit  wissen  könnten,
welcher  Tlieil  unserer  vermeinten  Erkenntniss  ,Grundstoff',
welcher  ,Zusatz'  sei.  Wir  befänden  uns  damit  ungefähr  im
gleichen  Fall  mit  einem  Manne,  dem  wohl  bekannt  wäre,  dass
eine  gewisse  Metalhuischung  edle  Bestandtheile  in  sich  schliesse,
der  aber  kein  Mittel  besässe,  dieselben  im  einzelnen  Falle  von
der  unedlen  Legierung  abzuscheiden.
Kant  selbst  scheint  dieses  Problems,  das  von  der  Behauptung, ­
  dass  es  apriorische  Elemente  im  Erkenntnissvermögen ­
  gebe,  gänzlich  verschieden  ist,  sich  erst  nachträglich  völlig
bewusst  geworden  zu  sein,  nachdem  er  bereits  versucht  hatte,
mittels  des  apriorischen  Zusatzes  aus  dem  Erkenntnissvermögen
eine  allgemeingiltige  Erfahrung  zu  begründen,  denn  obige
Stelle  ist  erst  in  der  zweiten  Ausgabe  der  Vernunftkritik  hinzugekommen. ­
  Die  erste  Ausgabe,  auf  deren  Abweichungen  von
allen  folgenden  wie  bekannt  Schopenhauer  zuerst  grosses,  nach
Ueberweg’s  Nachweis  vielfach  übertriebenes  Gewicht  gelegt
hat,  hat  statt  des  ersten  und  zweiten  Abschnittes  der  Einleitung
(S.  W.  her.  v.  Hartenstein  II.  S.  35—38)  eine  kürzere  Darstellung
(S.  38  und  39  Anm.),  in  welcher  blos  von  dem  Vorhandensein ­
  ,gewisser  ursprünglicher  Begriffe  und  aus  ihnen  erzeugter
Urtheile,  die  gänzlich  a  priori  sind',  die  Rede,  die  Erläuterung
aber,  dass  man  dieselben  erst  nach  ,langer  Uebung  und  Aufmerksamkeit' ­
  von  dem  ,Grundstoffe'  zu  ,unterscheiden  und  abzusondern' ­
  im  Stande  sei,  mit  Stillschweigen  übergangen  ist.
Auch  die  sehr  anschaulichen  Bezeichnungen  ,Grundstoff'  und
,Zusatz',  jene  für  den  ,rohen  Stoff  sinnlicher  Eindrücke',  diese
für  die  ,Verstandesfähigkeit',  denselben  ,zu  vergleichen,  zu
verknüpfen  oder  zu  trennen'  und  so  ,zu  einer  Erkenntniss  der
Gegenstände  zu  verarbeiten,  die  Erfahrung  heisst',  sind  erst
            
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