Morphologie und Entwicklungsgeschichte der Sprachen.
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zusetzen genöthigt sind; im Gegentheil scheint die Zahl der
Formen der indogermanischen Ursprache die Zahl der Formen
einer jeden der uns bekannten indogermanischen Sprachen um
ein Bedeutendes übertroffen zu haben.
Denselben Gang der Entwicklung, wo möglich noch
genauer, stellen auch die sogenannten semitischen Sprachen
dar. — Auch die semitischen Sprachen lassen sich nur als
Abkömmlinge einer in ihnen aufgegangenen, in ihrer Ausbildung
bereits abgeschlossenen Ursprache begreifen. Diese
Ursprache enthielt wenigstens alle jene Formen, welche die
semitischen Sprachen zusammen darbieten; es ist sogar wahrscheinlich,
dass sie deren mehr enthielt, und dass mehrere
derselben nach der Sprachtrennung unwiederbringlich verloren
gegangen sind.
Aus dem soeben Bemerkten geht hprvor, dass jene
Sprachen, aus welchen die indogermanischen und die semi- >
tischen Sprachen hervorgegangen sind, nämlich die indogermanische
und die semitische Ursprache, zwar nicht mehr
existiren, aber wohl aus den noch vorhandenen indogermanischen
und semitischen Sprachen annähernd erschlossen werden
können. Da diese Ursprachen in ihrer Ausbildung bereits
abgeschlossen waren, und die Geschichte der aus ihnen er--wachsenen
Abkömmlinge kein Wachsthum, sondern nur innere
Ausbildung gepaart mit äusserem Verfall darbietet, so ist es
wohl möglich, dass jene Ursprache, welche wir aus den vorhandenen
Sprachen zu erschliessen im Stande sind, nicht die
factisch einmal vorhandene Ursprache repräsentirt, sondern
nur ein ungefähres Bild derselben darbietet. In diesem Sinne
fassen wir stets die Ursprache auf, wenn von einer solchen die
Rede ist; sie ist keine in historischem Sinne wirklich
existirende Sprache, sondern nur eine wissenschaftliche
Oonstruction, von welcher aus die späteren Entwicklungen sich
leicht erklären lassen. — Wir können daher die Ansicht jener,
welche die auf wissenschaftlichem Wege erschlossene Ursprache,
ob indogermanische oder semitische, für eine wirkliche Sprache
halten, nicht theilen, noch weniger können wir die Versuche,
mit dieser Ursprache förmlich ebenso wie mit einer lebenden
Sprache zu manipuliren, billigen.