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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

Morphologie  und  Entwicklungsgeschichte  der  Sprachen.

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zusetzen  genöthigt  sind;  im  Gegentheil  scheint  die  Zahl  der
Formen  der  indogermanischen  Ursprache  die  Zahl  der  Formen
einer  jeden  der  uns  bekannten  indogermanischen  Sprachen  um
ein  Bedeutendes  übertroffen  zu  haben.
Denselben  Gang  der  Entwicklung,  wo  möglich  noch
genauer,  stellen  auch  die  sogenannten  semitischen  Sprachen
dar.  —  Auch  die  semitischen  Sprachen  lassen  sich  nur  als
Abkömmlinge  einer  in  ihnen  aufgegangenen,  in  ihrer  Ausbildung ­
  bereits  abgeschlossenen  Ursprache  begreifen.  Diese
Ursprache  enthielt  wenigstens  alle  jene  Formen,  welche  die
semitischen  Sprachen  zusammen  darbieten;  es  ist  sogar  wahrscheinlich, ­
  dass  sie  deren  mehr  enthielt,  und  dass  mehrere
derselben  nach  der  Sprachtrennung  unwiederbringlich  verloren
gegangen  sind.
Aus  dem  soeben  Bemerkten  geht  hprvor,  dass  jene
Sprachen,  aus  welchen  die  indogermanischen  und  die  semi-  >
tischen  Sprachen  hervorgegangen  sind,  nämlich  die  indogermanische ­
  und  die  semitische  Ursprache,  zwar  nicht  mehr
existiren,  aber  wohl  aus  den  noch  vorhandenen  indogermanischen
und  semitischen  Sprachen  annähernd  erschlossen  werden
können.  Da  diese  Ursprachen  in  ihrer  Ausbildung  bereits
abgeschlossen  waren,  und  die  Geschichte  der  aus  ihnen  er--wachsenen
  Abkömmlinge  kein  Wachsthum,  sondern  nur  innere
Ausbildung  gepaart  mit  äusserem  Verfall  darbietet,  so  ist  es
wohl  möglich,  dass  jene  Ursprache,  welche  wir  aus  den  vorhandenen ­
  Sprachen  zu  erschliessen  im  Stande  sind,  nicht  die
factisch  einmal  vorhandene  Ursprache  repräsentirt,  sondern
nur  ein  ungefähres  Bild  derselben  darbietet.  In  diesem  Sinne
fassen  wir  stets  die  Ursprache  auf,  wenn  von  einer  solchen  die
Rede  ist;  sie  ist  keine  in  historischem  Sinne  wirklich
existirende  Sprache,  sondern  nur  eine  wissenschaftliche
Oonstruction,  von  welcher  aus  die  späteren  Entwicklungen  sich
leicht  erklären  lassen.  —  Wir  können  daher  die  Ansicht  jener,
welche  die  auf  wissenschaftlichem  Wege  erschlossene  Ursprache,
ob  indogermanische  oder  semitische,  für  eine  wirkliche  Sprache
halten,  nicht  theilen,  noch  weniger  können  wir  die  Versuche,
mit  dieser  Ursprache  förmlich  ebenso  wie  mit  einer  lebenden
Sprache  zu  manipuliren,  billigen.
            
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