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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 66. Band, (Jahrgang 1870)

V

Z  1  4  M  ii  1  I  e  r
entweder  vollkommen  unverändert,  oder  werden  durch  völlige  Wandlung ­
  ihrer  Vocale  mudificirt.
In  den  indogermanischen  Sprachen  dagegen  werden  die  StotYelemente,
  sobald  sie  mit  den  Formelementen  verbunden  werden,  in
ihren  vocalischen  Bestandtheilen  gewissen  Gesetzen  unterworfen.
Wenn  wir  auch  den  Grund  dieser  Gesetze  in  den  wenigsten  Fällen
errathen  können,  so  scheint  es  dennoch  im  allgemeinen  gewiss  zu  sein,
dass  jenes  Element,  welches  von  denselben  betroffen  ward,  als  das
innerhalb  der  Wortform  wichtigste  angesehen  wurde.
Unter  diesen  Gesetzen  ist  das  Gesetz  der  *Vo  c  als  teige  ru  ng
das  bedeutendste.  Dasselbe  besteht  in  der  regelmässigen  Verstärkung
des  Vocals  der  Stoffwurzel  und  zwar  zunächst,  da  a  den  beiden
andern  Vocalen  i  und  u  gegenüber  ohnedies  als  stärker  gilt,  in  der
Verstärkung  eines  i  und  u  der  Stoffwurzel  durch  ein  vortretendes  a.
Dieses  a  stellt  nichts  anderes  dar,  als  das  kräftigere,  längere  Ausholen ­
  der  im  Vocalansatz  befindlichen  Sprachorgane.  Die  auf  diese
Weise  gewonnenen  Laute  ai,  au  sind  nicht  etwa  Doppellaute,  also
n-\-  a  -j-  u,  sondern  einfache  Laute,  nämlich  i,  u  mit  einem  die  Kraft
der  dabei  betheiligten  Organe  bezeichnenden,  sie  einleitenden  a  ')•
Nach  unserer  Ansicht  war  innerhalb  der  indogermanischen  Ursprache ­
  die  Vocalsteigerung  l.  ursprünglich  nur  den  beiden  Vocalen
i  und  u  eigen  gewesen  und  hat  erst  später  nach  Analogie  dieser
auch  bei  a  durchgegriffen,  2.  hat  sie  sich  stets  nur  auf  den  Wurzelvocal
  beschränkt  und  3.  war  sie  nur  eine  einfache  (die  erste).
Diese  Ansicht  steht  mit  der  gangbaren  im  Widerspruche,  nach
welcher  1.  die  Steigerung  sowohl  dem  i  und  u  als  auch  dem  a  ursprünglich ­
  zukommt,  2.  dieselbe  nicht  nur  innerhalb  der  Wurzel,

1 )  Man  wird  nach  unseren  Bemerkungen  einsehen,  dass  die  von  Steinthal  in  seinem
trefflichen  Werke:  Charakteristik  der  hauptsächlichen  Typen  des  Sprachbaues,
S.  327  gegebene  Bestimmung  der  drei  Sprachstämme,  des  indogermanischen,
semitischen  und  hamitischen  nicht  ganz  genau  ist.  Ich  würde  dieselbe  etwa  also
fassen:  B.  Formsprachen  1.  I^ebensetzend  (Chinesich),  2.  Abwandelnd:  a)  durch
Verbindung  des  grammatischen  Elementes  (Prä-  oder  Suffixe)  mit  der  Wurzel
(Hamitisch);  b)  durch  Umbildung  der  Wurzel  zum  dreisilbigen  Stamme,  regelmässige ­
  Umwandlung  des  Voeales  desselben  und  Verbindung  mit  den  grammatischen
Elementen,  Prä-  oder  Suffixen  (Semitisch)  ;  c)  durch  Verbindung  der  Suffixe  mit
der  in  ihrem  vocalischen  Bestandtheile  afficirten  (gesteigerten  oder  geschwächten)
Wurzel  (Indogermanisch).
            
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