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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

Untersuchungen  auf  d.  Gebiete  der  Pronomina,  besonders  der  lateinischen.  83

alle  hatten  ursprünglich  eine  andere  Bedeutung,  und  nur  dadurch,
dass  sie  in  Fragesätzen  oft  verwendet  wurden,  geschah  es,  dass  das
Sprachgefühl  das  fragende  Moment,  welches  eigentlich  durch  den  Ton
bezeichnet  wurde,  auf  diese  Wörter  selbst  übertrug  und  sie  dann  als
Träger  der  interrogativen  Function  ansah  (vgl.  die  Fragepartikein
apa,  vj,  ne,  num,  nonne  u.  s.  w.).  Die  wirkliche  Frage  (im  Gegensätze ­
  zu  der  rhetorischen)  entspringt  aus  dem  Nichtwissen  und  dem
Streben,  das,  was  man  nicht  weiss,  zu  erfahren.  Dieser  Wunsch,
Auskunft  zu  erhalten,  wird  zufolge  einer  natürlichen  Symbolik  dadurch ­
  kundgegeben,  dass  man  am  Schlüsse  des  Satzes  die  Stimme
nicht  (wie  es  bei  einem  Aussagesatze  natürlich  und  angemessen  ist)
fallen,  sondern  sich  erheben  lässt.  Dadurch  wird  symbolisch  angezeigt, ­
  dass  das  Ausgesprochene  nicht  für  sieh  einen  befriedigenden
Abschluss  bietet,  sondern  dass  man  diesen  Abschluss,  die  aufklärende
Ergänzung  erst  erwartet;  diese  Ergänzung  ist  die  Antwort.  Jedes
Wort  kann  aber  in  einem  solchen  Satze  als  „Fragewort“  fungieren;
wenn  man  es  nämlich  stark  betont,  so  lenkt  man  die  Aufmerksamkeit
auf  dasselbe  (wie  es  auch  in  einem  Aussagesatze  geschieht,  vgl.
z.  B.  der  Bruder  kam  heute  opp.  und  nicht  sonst  jemand;  der
Bruder  kam  heute  opp.  und  nicht  an  einem  andern  Tage  u.  s.  w.)
und  gibt  zu  verstehen,  dass  die  Antwort  gerade  auf  dieses  Wort
Rücksicht  nehmen  und  sich  beziehen  soll;  z.  B.  kam  der  Bruder
gestern  hieher?  kam  der  Bruder  gestern  hieher?  kam  der  Bruder
gestern  hieher?  Mit  Fug  und  Recht  kann  man  also  behaupten,  dass
es  ursprünglich  gar  kein  eigentliches  Fragewort  gab  und  dass  anderseits, ­
  wie  jedes  Wort,  so  auch  das  unbestimmte  Pronomen  kas,
kis  in  einem  fragend  ausgesprochenen  Satze  zu  einem  interrogativen
Pronomen  werden  konnte.  Dass  gerade  das  unbestimmte  Pronomen
sich  zu  einem  Frageworte  qualificierte,  ist  begreiflich.  Die  Frage  verlangt ­
  eine  Antwort,  und  gerade  das  unbestimmte  Wort  ist  eben
das  unbekannte  x,  das  durch  die  Antwort  seine  Auflösung  erhalten
soll  i).  So  wurde  aus  6  äddtpög  dne  n  der  Satz  6  äds?,<p6g  dxe  rt;

*)  Interessant  ist  die  Erscheinung,  dass  in  der  Conversation  sehr  oft  da  wo  man
etwas  wünscht,  Aussagesätze  mit  dem  unbestimmten  Pronomen  gebraucht  werden,
die  also  bezüglich  ihrer  Geltung  auf  einer  Stufe  mit  Fragesätzen  stehen.  So  kann
z.  ß.  jemand,  der  etwas  fallen  hört,  aber  nicht  weiss  was,  und  darüber  Auskunft
zu  erhalten  wünscht,  sagen:  „etwas  ist  heruntergefallen“  und  der  Angeredete
entnimmt  daraus,  dass  Auskunft  gewünscht  wird,  so  dass  also  jener  Satz  dasselbe
            
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