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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

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Über  «len  Verlobungs-  und  den  Trauring.
den,  dass  auch  in  Deutschland  selbst  am  Ende  des  16.  Jahrhunderts
zuweilen  bei  der  Trauung  nur  ein  Ring  vom  Bräutigam  an  die
Braut  gegeben  wurde.  Freilich  war  man  sich  der  wahren  Bedeutung
dieses  Actes  nicht  mehr  bewusst,  ja  suchte  ihn  im  Gegentheil  durch
eine  künstliche  Symbolik  zu  erklären,  aber  man  bewahrte  doch  so
unwillkürlich  die  Continuität  des  alten  Rechts“  “).  Die  Sprache
bewahrt  noch  manches  Wort  und  manche  Wendung,  die  aus  der
Zeit  des  Brautkaufes  stammen.  Und  heute  noch  kennt  jeder  Rechtskundige ­
  das  Sprüchwort,  in  das  wir  schliesslich  wie  in  ein  Motto
diese  Ansicht  von  der  ursprünglichen  rechtlichen  Bedeutung  des
Brautringes  zusammenfassen  können:  „Ist  der  Finger  beringt,  so  ist
die  Jungfer  bedingt“.

So  bildet  sich  in  der  Sprache,  im  Rechtsleben,  in  den  Volksgebräuchen ­
  eine  Ablagerung  von  Formen,  welche  einer  früheren
Cultur-Epoche  angehören  und  aus  denen  das  Leben  entwichen  ist.
Aus  dem  Zusammenhänge  der  ursprünglichen  Umgebung  gerissen,
werden  sie  unverständlich  dem  Volke,  das  den  anfänglichen  Sinn
derselben  vergessen  hat,  und  nun  keinen  oder  einen  ganz  anderen
mit  ihnen  verbindet.  Aber  vor  den  Augen  des  Forschenden  beleben
sich  diese  todten  Rückstände  wieder,  um  Zeugniss  zu  geben  von  vergangenen ­
  Zuständen.  Im  Sprachschätze,  in  Sprüclnvörtern,  Liedern
und  Gebräuchen  geht  die  Wissenschaft  der  Geschichte  —  hierin  der
Geologie  vergleichbar  •—  unscheinbaren  Spuren  nach,  aus  denen
sie  das  Bild  einer  vergangenen  Zeit  wiederherzustellen  sich  bemüht

6 )  Fried  berg,  S.  97.  Wegen  England  s.  ebd.  S.  «38.
            
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